Abseits von Floskeln und politischen Instrumentalisierungen eröffnet die Ausstellung vielschichtige Einblicke in das Thema. Neben großer Verbundenheit zur Heimatstadt Steyr wird bei den Jugendlichen auch die Sorge um die Umwelt deutlich.
22 Schülerinnen der HLW Steyr haben sich in den vergangenen Monaten fächerübergreifend in Deutsch, Geografie und Religion mit dem Thema „Heimat“ befasst.
Der Anstoß kam durch eine Porträtserie des Steyrer Integrationszentrums Paraplü aus dem Jahr 2021, bei der 15 nach Steyr Zugewanderte fotografiert wurden. Bei dem Schulprojekt sind wiederum Fotos und Texte für eine neue, ergänzende Ausstellung entstanden, in denen die Schülerinnen erklären, was für sie Heimat bedeutet, was sie in Österreich schätzen und was sie gerne verändern würden.
Während sich das Paraplü-Projekt „Mein Steyr“ auf Migrant:innen fokussierte, ist der Hintergrund der HLW-Schülerinnen, die im Alter von 16 bis 18 Jahren sind, zumeist ein anderer. Wobei ein paar der Jugendlichen Eltern haben, die nach Österreich zugewandert sind, was auch hier eine spezielle Perspektive mit sich bringt. Gemeinsamkeit vieler Fotos und Texte ist, dass sie eine große Naturverbundenheit der Schülerinnen ausdrücken. Der Wunsch, dass es mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen geben soll und die Österreicher:innen offener für andere Kulturen sein sollten, wird in mehreren Schulaufsätzen ebenso deutlich. Und fast alle Schülerinnen drücken eine große Verbundenheit und Liebe zu ihrer Heimat aus. In der Folge bringt die Kirchenzeitung ein paar ausgewählte Passagen der Schülerinnentexte:
Rosa hat zu dem Foto, das sie ausgewählt hat, eine besondere Geschichte. Es zeigt die Aussicht von ihrem Lieblingsplatz, einer Bank neben dem Wald. Dort saß sie oft mit ihrer Oma und redete mit ihr in langen Gesprächen über Gott und die Welt. „Ich liebte es, mit ihr dort zu sitzen, auch wenn wir nur in die Ferne blickten. Meiner Oma hat es auch sehr gutgetan, sie fühlte sich sehr alleine, seitdem mein Opa gestorben war. Sie redete gerne über ihn und ich hörte ihr so gern zu, wie sie ihre Geschichten von früher, aus ihrer Jugend und wie sie Opa kennengelernt hat, erzählte“, sagt Rosa. Vor etwa einem Jahr starb ihre Oma. Rosa geht noch immer gern zu der Bank, um ihr wieder ein Stückchen näher sein zu können.
Für die 17-jährige Clara bedeutet Heimat, gemeinsam mit ihrer Familie und ihren Freund:innen zu sein und vor allem so sein zu können, wie sie ist. Clara: „Hier leben wir in Toleranz zusammen, helfen einander und sind füreinander da in allen Zeiten des Lebens. [...] Wir diskutieren miteinander und verstehen uns auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinungen sind.“
Bei der 16-jährigen Lara ist der Heimatbegriff mit mehreren Orten verbunden: Zum einen Dietach, wo sie mit ihrer Familie lebt, wo sie sich die Fußballspiele ihres Bruders anschaut, wo sie in die Volksschule gegangen ist, mit der sie schöne Erinnerungen verbindet, und wo es im Sommer ein großes Erdbeerland gibt. „Für mich ein Paradies, da ich Erdbeeren liebe“, schreibt Lara.
Die anderen Heimatorte von Lara sind in Kroatien und Bosnien, beides Länder, in die es familiäre Anknüpfungspunkte gibt. „Bosnien liebe ich auch dafür, dass es kleine Orte gibt. Man hat das Gefühl, der ganze Ort wäre eine Familie. [...]Dort habe ich sehr viele schöne Momente gehabt. Dort bin ich glücklich, denn es zählen nur die Menschen, mit denen du dort bist, keiner schaut auf Reichtum des anderen oder was du anhast. Der Charakter zählt. Familie, Freunde, Bekannte und eine gute Zeit. Wir sind ein Team.“
Die Bewahrung der Umwelt ist in den Texten der Schülerinnen wiederholt Thema, so auch bei Klara. Sie schreibt: „An Österreich würde ich als Erstes ändern, dass es ein Klimaschutzgesetz gibt. Das ist mir besonders wichtig, da ich als Person allein nicht genug machen kann, um unser Land vor der Katastrophe, in der wir schon mit einem Fuß stehen, zu schützen. In den Schlagzeilen lese ich immer häufiger von Überschwemmungen, vom Gletscherschmelzen, Hitzewellen und vielem mehr. Das löst sehr viel Stress in mir aus und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie meine Zukunft wohl aussehen mag, wenn zu wenige Menschen auf unsere Umwelt aufpassen. Ein solches Gesetz würde die Menschen womöglich verändern und sie dazu verpflichten, klimabewusster zu leben.“
Chiara würde gerne das Schulsystem von Grund auf erneuern. „Meiner Meinung nach ist unser Schulsystem sehr veraltet. Es werden einem Sachen beigebracht, die man nie in seinem Leben brauchen wird. Aber wichtige Dinge, wie man einen Vertrag schreibt, den Umgang mit Geld oder Social Media, werden nicht gelehrt.“
Viele Schülerinnen drücken auch ihre Dankbarkeit über ihre Heimat aus, so zum Beispiel Katrin: „Ich bin sehr dankbar, in Österreich leben zu dürfen und ich würde es auch nicht eintauschen wollen. Meistens merkt man erst, was für ein Glück man hat, wenn man sich damit beschäftigt. Vieles ist für uns selbstverständlich, wie genug Wasser, keine Hungersnot, keine wirtschaftliche Krise und all das, was man zum Überleben braucht. Das weiß ich sehr zu schätzen.“
DAS VORBILD FÜR DAS SCHULPROJEKT
Die Fotoausstellung „Mein Steyr“ des Integrationszentrums Paraplü porträtiert 15 Zugewanderte aus aller Welt an einem ihrer „Lieblingsorte“ in Steyr.
Alle Porträtierten sind zwischen 1973 und 2015 aus verschiedenen Ländern der Welt nach Steyr gezogen. Für die Fotoshootings haben sie jeweils selbst einen Ort in Steyr ausgewählt, der für sie von besonderer Bedeutung ist. Die Porträts, die von der Fotografin Daniela Weissensteiner erstellt wurden, werden durch kurze Texte und Zitate ergänzt.
„Sobald man sich wohl fühlt, ist alles andere Geschichte“, wird etwa der aus Somalia stammende Mahdi Nur zitiert, der Absolvent der HLW Steyr ist. Nachdem die Fotoporträts zum ersten Mal im Rahmen der Landesausstellung 2021 in Steyr zu sehen waren, machen sie nun bis Mitte Mai an der HLW Steyr Station. Der Schule hat die Fotoausstellung des Paraplü zudem als Impuls für ein eigenes Projekt genommen. Eine Klasse beschäftigte sich mit dem Thema Heimat und mit der Literatur aus den Heimatländern der porträtierten Personen. In Geografie recherchierten sie zu dazu passenden Themen und in Religion erstellten sie Texte und Fotos, was für sie selber Heimat bedeutet. Diese Werke sind ebenso derzeit in der Aula der HLW Steyr ausgestellt.
Sozialratgeber
Download hier >> oder Sozialratgeber KOSTENLOS bestellen unter office@kirchenzeitung.at oder telefonisch: 0732 / 7610 3944.
Erfahrungen aus dem Alltag mit einem autistischen Jungen >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>