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Geschichten von früher für heute

LEBENS_WEISE

Bei Oma oder Opa die ungeteilte Aufmerksamkeit genießen und Erzählungen „von früher“ hören – Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben und eine besondere Verbindung zwischen den Generationen schaffen.

Ausgabe: 28/2026
07.07.2026
- Judith Moser-Hofstadler
Wenn Opa oder Oma erzählen, ist es nie langweilig.
Wenn Opa oder Oma erzählen, ist es nie langweilig.
© deagreez / Adobe Stock

Egal ob es schöne und lustige, traurige oder gar dramatische Erlebnisse sind, die Großeltern ihren Enkeln erzählen, sie schaffen damit mehr als bleibende Erinnerungen. Aber was macht das Besondere aus? Warum erinnern wir uns bis weit über die Kindheit hinaus an die Geschichten, denen wir im Schatten oder auf der Couch gelauscht haben?


Auch wenn jemand meint, an historischen Ereignissen gar nicht interessiert zu sein, sind die Geschichten der Großeltern interessant. Die Vergangenheit wird greifbarer, menschlicher, durch die persönlichen Erzählungen von „damals“. Wer das Glück hat, bis ins Erwachsenenalter Großeltern zu haben, kann noch dazu konkrete Fragen über Vergangenes stellen. 

 

Immer wieder


Doch Kinder und Großeltern passen besonders gut zusammen, wenn es um Erzählungen von früher geht. Immer wieder möchten Kinder die Geschichten von Oma und Opa hören. Sie werden offenbar auch in vielfacher Wiederholung nicht langweilig. Kinder spüren dadurch, dass sie eingebunden sind in ein Netz von Menschen, die schon vor ihnen da waren. Das gibt Sicherheit für ihre Entwicklung. Und ältere Menschen erinnern sich gerne an die eigene Vergangenheit. Für sie ist es schön, wenn jemand da ist, der dabei gerne zuhört. Besonders interessant wird das für beide Seiten, wenn man dazu gemeinsam Fotos anschauen kann. 


Geschichten aus der Kindheit der Großeltern vermitteln den Enkelkindern: Oma oder Opa haben es geschafft, trotz schwieriger oder gefährlicher Situationen erwachsen und womöglich sogar alt zu werden – dann kann ich das selbst auch schaffen! Die Geschichten haben ja meistens ein gutes Ende, auch wenn vielleicht einmal ein Bein gebrochen war oder es ungerechte Strafen von Eltern oder Lehrer:innen gab. Ihre Geschichten sind gut ausgegangen, sonst wären sie ja nicht heute auf dem Sofa!


Großeltern sollen sich auch nicht davor scheuen, von großen Krisen und Scheitern zu erzählen. Kinder erfahren durch unterschiedliche Medien von Naturkatastrophen und Kriegen, da tut es gut, zu wissen, dass es Krisen immer schon gegeben hat und ihnen nahe Menschen solche auch überwunden haben. Das gilt für persönliche Krisen, etwa das Scheitern mit einer Firma oder der Verlust eines Freundes genauso wie für gesellschaftliche.

 

Sicherheit


Kinder brauchen Menschen, bei denen sie sich sicher fühlen. Eltern und Großeltern sollten solche Menschen sein. Sie wissen doch anscheinend, wie man alle möglichen Situationen meistern kann. Und auf der anderen Seite brauchen ältere Kinder die Gewissheit, dass diese „Stützen“ auch Menschen sind, die Fehler und Schwächen haben. Irgendwann müssen sich Kinder abgrenzen, um ihren eigenen Weg zu finden. 


Da schadet es nicht, wenn sie in Geschichten hören, dass ihre (Groß-)Eltern auch einmal klein und schwach und vielleicht sogar ängstlich waren. Wichtiger als der Inhalt, ist für Kinder, was Oma oder Opa dabei denken oder fühlen. Aus Erzählungen aus der Kindheit der Großeltern können sie Parallelen zur eigenen Kindheit ziehen.


Großeltern kennen aber auch Geschichten aus der Kindheit der Eltern! Wie aufregend ist es, auch Streiche von den Eltern zu erfahren, die diese selbst womöglich nicht erzählen würden! Manche Kinder erfahren von Oma und Opa mehr aus der Kindheit ihrer Eltern als von diesen selbst.


Voraussetzung dafür, Geschichten von früher zu erzählen, ist aber, dass die Kinder das auch gerne hören möchten. Wenn die Kinder im Moment etwas anderes tun möchten als zuhören, sollten ihnen Geschichten natürlich nicht aufgezwungen werden. Genauso sollten Großeltern nicht die Vergangenheit verklären und die Gegenwart schlechtreden. Sie ist die Welt, in der ihre Enkel aufwachsen, die Jungen müssen sie entdecken und formen, genauso, wie es die ältere Generation in ihrer Jugend gemacht hat.

 

Botschaft ist wichtig


Kinder spüren sehr schnell, ob ihnen jemand mit einer Geschichte „etwas sagen“ möchte – etwa, dass sie zufrieden sein sollen mit dem, was sie haben, weil ja früher doch „alles schlecht“ war oder sie es „nicht so gut“ hatten. Oder dass sich Teenager gefälligst mehr anstrengen sollen in der Schule, weil sie heute ohnehin so viele Möglichkeiten haben. Und es ist nicht wichtig, ob sich die Erzählenden an jedes Detail genauestens erinnern. Wichtiger als alle Einzelheiten ist die Botschaft in der Geschichte: Ich habe auch schwierige Situationen geschafft, ein Streit ist gut ausgegangen, eine Gefahr überwunden worden, auch wir haben lustige Sachen erlebt, Streiche gespielt …

 

Jung im Alter


Eine besondere Erfahrung für erwachsene Enkelkinder kann sein, dass ihre Großeltern in Erzählungen und Erinnerungen plötzlich ganz jung und kindlich erscheinen. Wenn die Oma von einer Episode aus ihrer Volksschulzeit erzählt, wird deutlich, dass diese alte Frau nicht einfach eine alte Frau ist, sondern ein Leben als Kind, als Jugendliche, als junge Frau hatte, und dass dieses Leben in diesem Körper und im Geist nicht einfach verschwunden ist, sondern präsent ist und zu diesem alten Körper gehört.

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