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Die neue Art, ein Mann zu sein

Bewusst Leben

Wie ein Mann zu sein hat, war in früheren Zeiten um einiges klarer. Heute beginnt sich das Männer- und auch das Väterbild zu öffnen und um viele Facetten reicher zu werden.  

Ausgabe: 23/2022
07.06.2022
- Lisa-Maria Langhofer
„Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter“ singt Herbert Grönemeyer. Der Vatertag kann eine Einladung sein, einmal innezuhalten und sich selbst als Mann und Vater zu reflektieren.
„Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter“ singt Herbert Grönemeyer. Der Vatertag kann eine Einladung sein, einmal innezuhalten und sich selbst als Mann und Vater zu reflektieren.
© ndabcreativity/stockadobe

Wann ist ein Mann ein Mann? Diese Frage ist heutzutage gar nicht so leicht zu beantworten. Noch vor fünfzig Jahren habe sich der Sohn am Vater orientiert, ihm nachgeeifert und versucht, ihn zu kopieren, sagt Albert A. Feldkircher, Erwachsenenbildner und Männerberater: „Heute gibt es bei den Jungen das Selbstbewusstsein und den starken Willen, ihre Rolle selbst zu finden.“ Das kann durchaus zur Herausforderung werden, denn das klare Bild des Mannes als Familienoberhaupt, Ernährer und Beschützer gibt es nicht mehr beziehungsweise ist nicht mehr zeitgemäß. Heute steht das relativ neue Konzept der partnerschaftlichen (Liebes-)Beziehung im Vordergrund, mit den entsprechenden Erwartungen einerseits der Frauen an die Männer und andererseits jenen der Männer an sich selbst. 

 

Facetten des Vaterseins

 

Der Mann scheint also auf dem Prüfstand zu stehen, und so auch seine Rolle als Vater. Auch diese habe sich im Gegensatz zu früher verändert, sagt Wolfgang Nell von der Katholischen Männerbewegung (KMB) in Oberösterreich. Er selbst sei dreimal jeweils ein Jahr lang in Karenz gewesen; eine herausfordernde, aber schöne Erfahrung: „Es kommen zum Vatersein so viele Facetten dazu, wenn man den Alltag mit den Kindern lebt: wenn der Papa einmal kocht, wäscht, bei den Spielgruppen dabei ist oder das Kind zum Kindergarten begleitet.“ Männer aus Feldkirchers Beratungsumfeld bestätigen diese Erfahrung: „Alle sagten, sie haben dadurch eine ganz tiefe Beziehung zu ihren Kindern bekommen.“ Aber auch wenn Väter aus verschiedenen Gründen nicht in Karenz gehen wollen oder können, sei ihnen das nicht vorzuwerfen, betont Nell: „Es geht nicht um Quantität, sondern Qualtität. Nicht wieviel Zeit du mit deinen Kindern verbringst, ist wichtig, sondern dass du ihnen besondere Aufmerksamkeit widmest und die Zeit mit ihnen bewusst verbingst.“ 
Nell beklagt jedoch, dass es noch zu wenige Vorbilder in Sachen Männer und Care-Arbeit gibt: „Ich habe mir oft ältere Väter gewünscht, die bestimmte Dinge schon durchlebt haben und die ich um Rat fragen kann.“ Auch Männerberater Feldkircher wünscht sich, dass sich mehr Männer der Kinderbetreuung und der Pflege Älterer widmen: „Das würde unserer Gesellschaft und auch den Männern selbst gut tun. Die Frauen spielen da eine wichtige Rolle, sie sollen ihre Männer öfter ermutigen und Aufgaben an sie abgeben.“

 

Männerbilder

 

Wie ein Männer- oder Vaterbild vermittelt wird, sei eine Frage der öffentlichen Kommunikation, sagt Nell. Er glaubt, dass Männer oft das Gefühl haben, typischen männlichen Klischees entsprechen zu müssen und ein Bild nach außen präsentieren, das mit ihrem Inneren gar nicht übereinstimmt. In den Medien werden bestimmte Bilder generiert, als Beispiel nennt er die Ukraine: „Dort sind viele Männer wieder uniformiert, tragen eine Waffe, müssen Stärke zeigen. In Wirklichkeit will kein Mann eine Waffe halten. Wir müssen uns fragen, was uns wirklich stark macht. Bin ich zum Beispiel auch ein starker Mann, wenn ich einmal weine oder kuschle? “
Auch was Vätern ihren Söhnen mitgeben, spielt eine Rolle und prägt sie ein Leben lang. Männer, die zu Feldkircher in die Beratung kommen und sich intensiv mit ihrer Vaterbeziehung auseinandersetzen, kommen meist zu folgendem Schluss: „Das, was mir am meisten gefehlt hat, war die Anerkennung meines Vaters.“ Laut Feldkircher ist es eine der wichtigsten Aufgaben eines Vaters, seinem Kind zu sagen: „Ich bin stolz auf dich. Du bist ein Mann, und du bist ok.“ Natürlich gelte dasselbe auch für die Töchter. 

 

Zeit zum Reflektieren

 

Der Vatertag sei für Nell nicht nur die Zeit, sich feiern zu lasen, sondern auch die eigene Rolle zu reflektieren: „Macht euch bewusst, wer ihr dieses Jahr wart, wie oft ihr Lotse, Vorbild, Reibungsfläche, Spielpartner, Kuschler, Tröster, Clown oder Streitschlichter wart. Tauscht euch mit anderen Männern darüber aus und sprecht über eure Gefühle, eure Sorgen und Probleme, nicht nur über eure Hobbys und den Job.“ Um Räume für genau diesen Austausch und zur Stärkung der Vater-Kind-Beziehung zu öffnen, veranstaltet die KMB – vor allem rund um den Vatertag – besondere Vater-Kind-Aktionen wie gemeinsame Wochenenden mit (Sternen-)Wanderungen, Entdeckungstouren, Theaterworkshops und mehr. 
Präsent sein und kommunizieren, so ließe sich das Mannsein heute auf eine kurze Formel herunterbrechen. Feldkircher: „Wir Männer dürfen uns nicht selbst ausklammern, sondern müssen uns spürbar mit all unseren Fähigkeiten einbringen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir als Väter wichtig für unsere Kinder sind und für unsere Frauen als Partner. Wir sind an vielen Stellen gefordert und werden gebraucht.“

 

Buchtipp


Mann auf dem Prüfstand
Mannsein ist nichts für Feiglinge. Es kann gefährlich sein, aber auch schön und wertvoll. Was macht Mannsein heute aus? Das Buch geht dieser Frage nach.

Albert A. Feldkircher: „Mann sein heute. Prügelknabe und Seiltänzer“, Bucher Verlag 22,144 Seiten, € 27,50 

© Science Photo Library / picturedesk.com
Wolfgang Nell ist Referent für Väterarbeit der KMB Oberösterreich.
Wolfgang Nell ist Referent für Väterarbeit der KMB Oberösterreich.
© Privat
Albert A. Feldkircher ist Trainer in der Erwachsenenbildung und Männerberater.
Albert A. Feldkircher ist Trainer in der Erwachsenenbildung und Männerberater.
© Harald Pichler
© Bucher Verlag
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