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Inhalt:
Ostern und japanische Handwerkskunst

Die Kunst des Vergoldens

begleiten, beleben, bestärken

Eben noch war die Schale ganz, jetzt liegt sie am Boden, entzwei. Wer hat nicht schon erlebt, dass die Lieblingstasse oder die geliebte Frühstücksschale zu Bruch ging?

Ausgabe: 14/2021
06.04.2021
- Eva Nessl
Eva Nessl, Institut für Religionspädagogik, PH Diözese Linz
Eva Nessl, Institut für Religionspädagogik, PH Diözese Linz
© www.phdl.at

Es ist noch nicht lange her, da entglitt mir mein liebstes Frühstückshäferl und kurz darauf meine Sonntagskaffeetasse. Es war mir leid um diese beiden Geschenke. Mit den Scherben vor mir liegend fasste ich kurzerhand den Entschluss, mir die Zeit zu nehmen, um geduldig die einzelnen Teile wieder zusammenzusetzen und zu kleben. Mittlerweile ranken Zimmerpflanzen aus meinen geschätzten Tassen. Die Sprünge sind nach wie vor zu sehen. Meiner Freude daran tut dies aber keinen Abbruch.

 

Die Kunst des Kintsugi

In Japan ist damit eine traditionelle Handwerkskunst verbunden. Kintsugi nennt sich die Reparaturmethode, bei der Zerbrochenes wieder zusammengefügt und geklebt wird. Dieses Kitten ist dabei mehr als ein einfaches Zusammenkleben. Anstatt die Sprünge zu überdecken, werden die Bruchstellen kunstvoll mit Goldstaub hervorgehoben – vergoldet.

 

Mehr als eine Handwerkskunst

Wenn einem zerbrochenen Gegenstand eine solche Zuwendung entgegengebracht wird, steckt meistens mehr dahinter. So ist mit Kintsugi auch eine Lebensweisheit verbunden. Das Leben selbst schwingt mit: Zerbrochenes wird nicht so repariert, dass es den äußeren Anschein erweckt, als wäre nichts gewesen. Die Bruchstellen werden sorgfältig behandelt, achtsam werden die einzelnen Teile wieder zusammengesetzt, gekittet und vergoldet, sodass die Dinge in neuer Schönheit erstrahlen.

 

Das Leben feiern

In diesem Sinn ergibt sich eine Nähe zu Ostern vom Karfreitag bis zum Ostermontag. Denn die österliche Botschaft erzählt von der Hoffnung, dass Zerbrochenes wieder heil wird; dass die Fülle des Lebens stärker ist als der Tod. Es ist das Feiern des Lebens, das die österliche Freudenzeit so wesentlich bestimmt. Ähnlich der Kunst des Kintsugi ist Ostern nicht ohne die Kartage zu denken. Das Leben zu feiern bedeutet nämlich nicht, Krisen, Wunden oder Bruchstellen zu überdecken. Es gehört auch dazu, die Unvollkommenheit menschlichen Lebens wahr- und anzunehmen.

Deshalb: Ostern ist keine Sache von heute auf morgen. Es ist vielmehr eine Kunst, in der Bruchstellen nicht verdeckt werden, sondern vergoldet von der Fülle und Schönheit des Lebens erzählen.

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