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Am Anfang ist die Melodie

LEBENS_WEISE

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das die angeborene Fähigkeit hat, Sprache zu erlernen. Wie Babys der Weg vom Brabbeln zum gesprochenen Wort gelingt, erforscht die medizinische Anthropologin Kathleen Wermke.

Ausgabe: 11/2024
12.03.2024
- Lisa-Maria Hammerl
Viel mit dem Kind zu sprechen und zu singen fördert dessen Sprachentwicklung.
Viel mit dem Kind zu sprechen und zu singen fördert dessen Sprachentwicklung.
© Fizkes/Stockadobe

Alle Babys auf der Welt beginnen ihre Reise auf dem Weg zum Sprechen gleich, mit einer Art Universalsprache, oder wie Kathleen Wermke es nennt, einem „Universalgesang“: „Ich nenne das bewusst Gesänge, weil sich diese affektive Sprache der Babys durch musikalische Elemente auszeichnet. Es gibt Melodiebögen, variierende Töne, Intervalle und auch rhythmische Variationen. Mit alldem drückt das Kind sein gefühltes Inneres aus.“

 

Melodiebögen


Die Kleinen singen zunächst einfache Melodiebögen, die mit der Zeit immer komplexer werden. Irgendwann bauen sie an bestimmten Stellen ein Glucksen oder andere Geräusche ein, die später zu Silben werden.

 

Durch das angeborene „Programm“, das alle Babys gleichermaßen durchlaufen, können sie im Grunde jede Sprache der Welt lernen. Am Anfang ist also die Melodie. Anthropologin Wermke findet diese Erkenntnis spannend: „Es hätte ja auch sein können, dass das Baby auf die Welt kommt und gleich ‚Hallo Mama‘ sagt.“

 

Laut mit Bedeutung


Doch wo ist eigentlich der Übergang vom „Babygesang“ zum gesprochenen Wort? Das sei abhängig davon, wie man Sprache definiert. „Wenn wir von der menschlichen Wortsprache ausgehen, dann beginnt sie dort, wo Kinder das erste Mal eine Lautäußerung mit einer bestimmten Bedeutung in Zusammenhang bringen“, sagt Wermke. 


Die bewusste Verwendung dieser konkreten Laute passiert nicht von einem Moment auf den anderen. Es ist ein fließender Übergang, ein Prozess, der sich über das erste Lebensjahr zieht. Schon im Mutterleib lauschen die Babys auf ihre besondere Umgebungssprache, auf die mütterlichen Melodien, und bekommen so die sprachtypischen Melodien der Muttersprache mit.

 

„In einem kontinuierlichen Prozess und parallel mit der Reifung des Gehirns fließen die Elemente der Muttersprache langsam mit ein, die Intonation, der Rhythmus und bestimmte Konsonanten, die die jeweilige Sprache bevorzugt“, erklärt die Forscherin. 


Jene Sprache, die am häufigsten in der Umgebung des Kindes gesprochen wird, prägt dieses am stärksten. Zwar erkennen Babys nicht, um welche Sprache es sich handelt, doch sie erkennen sehr wohl den unterschiedlichen Klang von zum Beispiel Deutsch, Japanisch oder Französisch. „Sie wissen auch, wie die Oma spricht im Unterschied zu Tante Elise. Sie schauen dann ganz gespannt auf den Mund, weil sie merken, da ist etwas anders.“

 

Sanfte Förderung


Laut Kathleen Wermke ist es nicht notwendig, die Sprachfähigkeit des Kindes übermäßig zu fördern. Die angeborenen, aufeinander abgestimmten Entwicklungsprozesse entfalten sich durch die Interaktion mit der Umwelt: „Die Natur hat das gut eingerichtet. Eltern sollten es einfach genießen, ihrem Kind zuzuhören und sich daran erfreuen, wenn es etwa bereits mehrbögige Melodien macht. Man nimmt sich die Freude, wenn man nur an die Optimierung des Kindes denkt.“

 

Möchte man es sanft fördern, solle man mit ihm sprechen, viel singen, und mit den Lauten, die das Kind gebraucht, spielerisch umgehen. Auch andere Kinderstimmen fördern die Entwicklung automatisch, weil jedes unterschiedlich spricht.  


Wenn Erwachsene  mit Babys sprechen, benutzen sie oft  automatisch die sogenannte „mütterische“ Sprache: eine höhere Stimme, gedehnte Silben, übertriebene Intonation. Auch dieses sogar global auftretende Phänomen kann hilfreich sein für das Erlernen der Sprache, insbesondere für Kinder, die sich dabei etwas schwer tun, da die Eigenschaften des Wortes überbetont und dadurch besser gehört werden. 

 

Wissen hilfreich


Das Wissen um die Sprachentwicklungsprozesse kann Eltern durchaus helfen. Dem Baby zuzuhören und herauszufinden, was es mitteilen möchte, ist wie das Bekanntmachen mit einer Art Fremdsprache, sagt die Anthropologin und zweifache Mutter.

 

So muss Weinen zum Beispiel nicht immer bedeuten, dass das Kind hungrig ist oder Schmerzen hat: „Es kann auch einfach heißen, dass ihm gerade alles zu viel ist und es überreizt ist.“ Wissen Mutter oder Vater, wie ihr Baby „spricht“, können sie mitunter schneller erkennen, wenn etwas nicht stimmt oder es hilft ihnen, in gewissen Situationen ruhiger und entspannter zu bleiben.
 

Kathleen Wermke, Babygesänge, Wie aus Weinen Sprache wird, Molden Verlag, Wien-Graz 2024, 224 Seiten, € 26,–
Kathleen Wermke, Babygesänge, Wie aus Weinen Sprache wird, Molden Verlag, Wien-Graz 2024, 224 Seiten, € 26,–
Kathleen Wermke hat als medizinische Anthropologin viele Jahre an der Berliner Charité geforscht und gelehrt. Sie hat das Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Poliklinik für Kieferorthopädie am Universitätsklinikum
Kathleen Wermke hat als medizinische Anthropologin viele Jahre an der Berliner Charité geforscht und gelehrt. Sie hat das Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Poliklinik für Kieferorthopädie am Universitätsklinikum
© Patty Varasano, www.varasano.de, Mobil (0177) 7383939
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