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Kurdistan: wild und faszinierend

Weltkirche

Der Nordirak steht seit Längerem nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei brauchen die Bewohner/innen aller Religionen und Kulturen in „Kurdistan“ nichts so sehr wie Solidarität und Hilfe.
 

Ausgabe: 23/2019
04.06.2019
- Josef Wallner
 Wandgestaltung in Telskof: eine Friedenstaube aus leeren Patronenhülsen.
Wandgestaltung in Telskof: eine Friedenstaube aus leeren Patronenhülsen.
© ICO (2)

Noch viel schöner als von Karl May in seinem Band „Durchs wilde Kurdistan“ beschrieben sei der Norden des Irak, schwärmt Stefan Maier. Der Mitarbeiter der ICO – Initiative Christlicher Orient hat mit einer Gruppe die Region Kurdistan bereist, wie die Einwohner/innen selbst diesen Teil des Irak nennen. Im zu Ende gehenden Frühling war die Landschaft eine Pracht, die Berggipfel in Schnee, die Wiesen an den Hängen übersät von Blumen, die in den kräftigsten Farben blühten. Doch die Idylle war trügerisch – besonders in den Gebieten an der türkischen Grenze. Das türkische Militär überwacht mit Drohnen bis weit ins Landesinnere alle Personenbewegungen. Wird jemand verdächtigt, zur PKK, der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei, zu gehören, kommen die Bomber. 
Stefan Maier hat 18 Familien getroffen, die ihr Dorf Sharanish verlassen haben, nachdem es dreimal von der türkischen Luftwaffe angegriffen wurde. Das letzte Mal zu Jahresbeginn. Diesmal sei niemand getötet worden, erzählten sie. Aber die Angst um das eigene Leben, vor allem das ihrer Kinder, trieb sie in die Flucht. Sie schlagen sich nun in der Stadt Zaho durch. Als Landwirte sind sie in der Großstadt völlig entwurzelt, ohne Arbeit und vor allem ohne Perspektive für die Zukunft. ICO plant nun, diese Gruppe von Menschen konkret zu unterstützen. 

 

Jesidinnen bleiben Opfer

Gespannt ist auch die Lage der jesidischen Bevölkerungsgruppe. Die ICO-Reisegesellschaft besuchte ihr Zentralheiligtum in Lalesh. Der Angriff der Terrormiliz IS (Isalamischer Staat), der zur Zerstörung ihrer Dörfer, der Ermordung unzähliger Männer und der Versklavung Tausender Frauen führte, sei der 37. Versuch in der Geschichte gewesen, sie als Volk auszulöschen, erklärten Jesiden-Verantwortliche. Es ist nicht gelungen, und es konnten viele Frauen, die Sexsklavinnen der IS-Mitglieder waren, wieder zurückkehren. Sie wurden von den religiösen Autoritäten wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, aber niemand wagt ihre Kinder zu Jesiden zu erklären. Im ganzen arabisch-muslimischen Raum ist es ein ehernes Gesetz, dass die Kinder unabänderlich die Religion des Vaters haben, das heißt, dass sie Muslime sind. Niemand will also die Kinder zu Jesiden erklären, weil das als verbotene Bekehrung verstanden würde und auch den Hass selbst nicht radikaler Muslime gegenüber den Jesidsen neu entfachen würde. „Die Frauen sind in einem fürchterlichen Dilemma“, erläutert Maier: „Die einzige Möglichkeit für diese Frauen und ihre Kinder ist ein Neuanfang in Europa.“ 

 

Ermutigen zum Bleiben

Vom Wirtschaftsboom, den die kurdische Regierung immer wieder mit Stolz beschworen hat, ist keine Rede mehr, die wirtschaftliche Dynamik beschränkt sich im Wesentlichen auf die Hauptstadt Erbil, auch noch auf ­Sulaimaniya. Aber dort, wo Menschen außerhalb der Städte Starthilfe erhalten, lässt sich ein Leben mit Zukunft aufbauen, konnte Maier vor Ort sehen. Das gänzlich von Christen bewohnte Dorf Telskof fiel in die Hände der IS-Terroristen, wurde geplündert und schwer zerstört. Inzwischen sind von den einst 1.400 Familien 650 wieder zurückgekehrt, und weiretere 350 Familien aus Nachbardörfern haben sich angesiedelt. Die Häuser wurden mit Unterstützung von Hilfsorganisationen renoviert, ebenso Kindergarten und Schule. Die ungarische Regierung bezahlte die Erneuerung der Georgskirche. ICO finanziert aktuell Einkommend schaffende Projekte, die für die Bewohner/innen eine große Ermutigung bedeuten. Für Maier war der Besuch in Telskof eine Freude. „In dem Dorf ist Dynamik drinnen.“ 

Ein Kurde, der den Stolz auf seine Heimat sichtbar trägt.
Ein Kurde, der den Stolz auf seine Heimat sichtbar trägt.
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