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„Zu sagen, Österreich gehört uns, halte ich für unmoralisch“

Kirche OÖ

Ein Gespräch mit dem Theologen Wilhelm Achleitner über Migration, Bierzeltkultur und das „Dollfuß-Gen“. 
 

Ausgabe: 45/2019
06.11.2019
Wilhelm Achleitner. Der ehemalige Leiter des Bildungshauses Schloss Puchberg engagiert sich in der antifaschistischen Bewegung.
Wilhelm Achleitner. Der ehemalige Leiter des Bildungshauses Schloss Puchberg engagiert sich in der antifaschistischen Bewegung.
© Christine Tröbinger

Jesus flüchtete mit seiner Familie nach Ägypten. Gab es eine Art Willkommenskultur in Ägypten?
Wilhelm Achleitner:
Nein, ich nehme nicht an, dass es dort eine Willkommenskultur gegeben hat. Ich nehme an, dass die Fremden, die Unbekannten schon immer Abwehrhaltungen auslösten. Das ist zunächst eine natürliche Reaktion. Leider gibt es einen beträchtlichen Anteil der Menschen, die in diesem Bedrohlichkeitsgefühl verweilen und auch als Erwachsene fremdeln. Und das ist dann politisch akut. Dann will die Hälfte der Bevölkerung keine Fremden sehen und manche verfallen sogar in den Wahn, dass die weiße Bevölkerung durch Fremde ausgetauscht oder zerstört werden soll. 

 

Wenn Gott die Fremden liebt, wie der Titel Ihres Vortrags lautet, was hat das für Konsequenzen für die Christen?
Wilhelm Achleitner:
Der Satz „Gott liebt die Fremden“ stimmt nur dann, wenn wir die Fremden lieben. Mensch und Gott existieren synchron. Ich kann von Gott nichts aussagen, was man von uns Menschen gar nicht sagen kann. Gott sagt: „Ihr Menschen seid imstande, die Fremden zu achten, zu lieben und wertzuschätzen.“ Eine weitere Konsequenz ist für mich, dass ich für eine grundsätzliche Mobilitätsfreiheit der Menschen bin: Jeder soll dort hinziehen dürfen, wohin er will – ein Menschenrecht! Es ist schlimm und falsch zu sagen: „Du darfst nicht in Österreich leben, weil du aus Afrika kommst.“ Die Erde gehört allen! Den Nationalismus, zu sagen, Österreich gehört uns allein, halte ich für unmoralisch. 

 

Teilweise sind die Konsequenzen radikal, etwa beim Kirchenasyl, bei dem man sich gegen den Staat stellt und Asylsuchenden Schutz gibt. Wie lässt sich das theologisch begründen?
Achleitner:
In der Tora (Anm.: So werden die ersten fünf Bücher im Alten Testament genannt), im 3. Buch, steht: Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken und du sollst ihn lieben wie dich selbst. – Wir Christen hätten also die Pflicht, den Fremden zu lieben wie uns selbst. Das heißt, man wird jemanden davor schützen, dass er mit Gewalt außer Landes gebracht wird. Die Kirchen repräsentieren dieselbe Würde und Bedeutung jedes Menschen, das kann man nicht wegdiskutieren.

 

„Unsere Heimat ist im Himmel“, sagt Paulus. Gehört Fremdsein zum Christsein dazu?
Achleitner:
Ja, unvermeidlich. Wir sind nur Gast auf Erden. Wir sind vorübergehend hier für eine begrenzte Zeit und sollen schauen, dass wir ein möglichst schönes Leben zusammenkriegen. Aber wir sekkieren und attackieren uns gegenseitig, anstatt diese Lebenszeit für Lust und Freude zu nützen.

 

Möglicher Einwand zu „Gott liebt die Fremden“: Droht da nicht die Gefahr, für Herausforderungen von Migration blind zu werden, etwa was kulturelle Differenzen betrifft?
Achleitner:
Es ist immer ziemlich gleich: Es gibt im Inland und im Ausland problematische und angenehme Menschen. Probleme gibt es dort und da. Es gibt auch Inländer, bei denen man den Wunsch verspürt, sie auszuweisen, zum Beispiel Politiker, die Ausreisezentren gründen. Und zur Kulturdifferenz: Wir leben alle in Parallelgesellschaften, zwischen den Goldhauben und der Antifa ist ein großer Unterschied. Jeder hat seinen Zirkel, wo er in einer Parallelgesellschaft lebt. In allen Orten gibt es Dutzende Vereine, das sind im Grunde so etwas wie Parallelgesellschaften. Allerdings: Die gemeinsame Sprache macht schon sehr viel aus. Ohne sie gibt es weniger Zugehörigkeitserfahrungen.

 

Der Grundstock an Integration ist notwendig, aber 100 % Integration sind wohl unrealistisch.
Achleitner:
Ich besuche kein Bierzelt, gehe am Samstagabend nicht vorglühen, das heißt, ich bin in typischen österreichischen Kulturen akkurat nicht integriert. Wichtig sind aber Freundschaften über Sprachgrenzen hinaus. Es wäre günstig, wenn viele Menschen interkulturelle Beziehungen pflegten, zum Beispiel in Sportvereinen oder Elterninitiativen.

 

Es heißt oft, dass die Fremden bei uns unsere Werte akzeptieren sollen.
Achleitner:
Wir sind ein Rechtsstaat, und dieser gilt für alle, die hier leben. Wir haben die gesetzliche fundamentale Gleichheit zwischen Mann und Frau, und das ist zu akzeptieren. Ich glaube, die Gesetze genügen, denn die Werte sind in der österreichischen Bevölkerung ziemlich verschieden. Was ist denn außer dem Wiener Schnitzel wirklich typisch österreichisch? Die autoritäre, rechte Versuchung, das „Dollfuß-Gen“ vielleicht noch?

 

Wie glaubwürdig ist die katholische Kirche als Akteurin gegen Fremdenhass?
Achleitner:
Was Flüchtlinge betrifft, kann man auf die Kirchen und die Christinnen und Christen stolz sein. Es war schon sehr schön, dass bei der Flüchtlingsbewegung 2015 die Christen in hohem Ausmaß fremdenfreundlich waren und es bis heute unter ihnen sehr viele Engagierte gibt. Es gibt von Bischöfen, Kardinälen und von Papst Franziskus Aussagen, die deutlich genug sind. Sie werden nur oft nicht befolgt, auch von vorgeblich christlichen Parteien nicht. « 
 

Vortrag und Ausstellung 


Das Interview fand im Vorfeld des Vortrags von Wilhelm Achleitner „Gott liebt die Fremden“ am Montag, 4. November in der ­Pfarre Linz-Guter Hirte statt. Zu diesem Themenschwerpunkt gehört auch die gleichnamige Wanderausstellung, die derzeit in der Neuen Heimat in Linz gastiert.
https://linz-guter-hirte.dioezese-linz.at

 

„Ich besuche kein Bierzelt, das heißt, ich bin in typischen österreichischen Kulturen akkurat nicht integriert“, sagt Wilhelm Achleitner.
„Ich besuche kein Bierzelt, das heißt, ich bin in typischen österreichischen Kulturen akkurat nicht integriert“, sagt Wilhelm Achleitner.
© ©Rawf8 - stock.adobe.com
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