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Willi Vieböck: Fußball geht überall

KIRCHE_OÖ

Am Sonntag geht die Männer-Fußball-EM ins Finale.
Obwohl er nie ein guter Fußballer war, wurde er ein glühender Fußballfan: Bischofsvikar Wilhelm Vieböck erzählt, warum.

Ausgabe: 28/2024
09.07.2024
- Monika Slouk
Für Österreichs Nationalmannschaft endete die Männer-Fußball-EM im Achtelfinale. Zum großen EM-Finale kommt es am Sonntag.
Für Österreichs Nationalmannschaft endete die Männer-Fußball-EM im Achtelfinale. Zum großen EM-Finale kommt es am Sonntag.
© Darko Vojinovic / AP / picturedesk.com

Das österreichische Nationalteam hat in der EM-Gruppenphase nicht nur Fußballfans begeistert. Die Erwartungen stiegen, die Enttäuschung nach dem Ausscheiden war groß. Warum bewegt uns Fußball so? Und wie geht man mit solchen Niederlagen um?

 

Wilhelm Vieböck: Jedes Spiel hat mit Siegen und Verlieren zu tun. Schon die Kinder lernen beim Mensch-ärgere-dich-nicht oder anderen Spielen, dass man nicht immer gewinnt. Das halte ich für eine gute Lebensschule. Damit müssen wir beim Fußball leben, wenn die Nationalmannschaft nach einem eh guten Spiel nicht das glücklichere Ende hat.

 

Das Leben geht weiter, würde ich sagen. Was mir imponiert hat bei dem Spiel gegen die Türkei: Dass die Österreicher nicht moralisch zusammengebrochen sind und sich geärgert haben, sondern tapfer weitergekämpft haben. Die Spielmoral hat gestimmt, so sind sie in Würde ausgeschieden.

 

Was fasziniert Menschen am Fußballspiel? Es ist doch seltsam, wenn erwachsene Männer einem Ball nachjagen …

 

Vieböck: Es ist eine einfache Sportart, die man überall ausüben kann. Wenn ich aus meinem Fenster auf den Sportplatz neben dem Pfarrhof schaue, dann gibt es immer junge Leute, die spielen. Man braucht nicht immer die ganze Mannschaft. Wenn nur vier oder fünf beisammen sind, geht es genauso, und eine Wiese gibt es auch bald wo.

 

Das gilt nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika und Lateinamerika. Wenn man nicht den großen, schönen Lederball hat, macht man sich irgendein Fetzenlaberl, wie die Wiener gesagt haben. So gesehen ist es ein einfaches Spiel und bringt Bewegung.

 

Wenn man zu einer Nationalmannschaft oder zu einer Clubmannschaft eine emotionale Beziehung aufbaut, lebt man mit und fiebert noch mehr mit als sonst.


Am Tag des EM-Spiels Österreich–Türkei war das Wir-Gefühl in Österreich stärker als sonst. Unterstützt Fußball den Zusammenhalt?

 

Vieböck: Auch wenn ich der österreichischen Nationalmannschaft alles Gute gewünscht habe, ist mir wichtig, dass das Wir-Gefühl nicht exklusiv ist – es darf nicht ausschließend sein. In der Zeitung habe ich zum Beispiel gelesen, dass Türkei-Fans auch Respekt für Österreich geäußert haben. Nicht alle und überall, aber doch auch.

 

Oder im Fall von Clubs: Ich freue mich, wenn der LASK gut spielt. Aber ich freue mich auch, wenn Blau-Weiß Linz eine gute Performance hinlegt. Ich kenne Menschen, die sagen, für mich kommt nur der eine Verein in Frage und alles andere verachte ich. Das halte ich für wenig erstrebenswert. Das ist nicht meine Haltung.

 

Beim Spiel Österreich–Türkei gab es auf beiden Seiten rechtsextreme Botschaften. Außerdem buhten und pfiffen die türkischen Fans, wenn die Österreicher im Ballbesitz waren. Was ist daran sportlich?

 

Vieböck: Man soll die eigene Mannschaft anfeuern, aber nicht die andere oder den Schiedsrichter runtermachen. Da leide ich auch im Stadion immer wieder, wenn die Fans der eigenen Mannschaft mit Pfeifkonzerten anfangen.

 

Wie oft gehen Sie ins Stadion?

 

Vieböck: Seltener als ich gerne würde. Es geht sich einfach nicht so oft aus. Einmal hatte ich die Gelegenheit, zwei LASK-Spiele hintereinander zu besuchen, und der LASK hat beide verloren! Das war ein Pech. Vor kurzem war es umgekehrt: Am Sonntag, an dem wir das Jubiläum 100 Jahre Mariendom gefeiert haben, hat der LASK gegen Rapid gespielt und 5:0 gewonnen, und ich konnte nicht dabei sein!

 

Haben Sie selbst auch gerne Fußball gespielt?

 

Vieböck: Ja, aber nie sehr gut. Mit zehn Jahren kam ich ins Petrinum (Knabenseminar in Linz, Anm.), wo es viele Sportplätze gibt. Das Aushängeschild war Faustball, da war ich nie dabei. Aber die Fußball-Kickerei – da ist man in der Freizeit nach dem Mittagessen mit den anderen mitgerannt.

 

Später kam ich nach Rom, da wurde vor allem während der Prüfungszeit im Juni gespielt, bei der Sommervilla des Germanicums (deutsch-ungarisches Priesterseminar in Rom, Anm.)  – damit wir trotz der Prüfungsvorbereitungen in Bewegung blieben. Da war ich auch dabei, aber wieder kein herausragender Spieler. Bewegung und Gesundheit waren meine Hauptmotive.

 

Bei Don Bosco spielte Fußball eine Rolle, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Wie wertvoll ist Fußball in der Seelsorge?

 

Vieböck: Sehr. Als ich in Sierninghofen Pfarrer war, habe ich die Ministrantenarbeit selbst geleitet. In den Ministrantenstunden musste man einerseits für die Gottesdienste üben, andererseits hatten wir eine schöne Wiese im Pfarrbereich. Da noch zu kicken, einander die Pässe zuzuspielen, das war eine wichtige Erfahrung.

 

Ich habe darauf sehr positive Rückmeldungen von Eltern bekommen. Für mich war das gar nicht so etwas Besonderes. Irgendwie muss man sich ja auch ein bisschen austoben, die Kinder haben unglaubliche Energien.

 

So ein starkes Mannschaftserlebnis haben Kinder und Jugendliche selten, wie beim Fußballspielen …

 

Vieböck: Ja, und was ich auf der Spielwiese vor unserem Pfarrhof heute immer wieder sehe, ist, dass ein Vater mit seinem kleinen Sohn zum Spielen kommt, das ist auch eine schöne Form des Kontakts.


Teamgeist ist etwas Großartiges. Im Fußball geht es aber nicht nur ums Kicken, sondern um aberwitzig viel Geld. Werden sich die Unsummen weiter in die Höhe treiben, oder wo führt das hin?

 

Vieböck: Ich weiß auch nicht, wie diese Mechanismen zu bremsen wären. Ich glaube, dass sich daneben so etwas wie „ehrlicher Fußball“ immer halten und behaupten wird. Der Trost für mich ist, dass das Geld keine Tore schießt.

 

Es gab immer wieder Mannschaften, in denen alle möglichen teuren Fußballer spielten und die trotzdem nicht besonders erfolgreich waren. Weil es eben auch um den Zusammenhalt, um den Geist, den Spirit geht. Den sieht man jetzt bei der österreichischen Nationalmannschaft. Das war aber nicht immer selbstverständlich, dass einer dem anderen zuspielt und ihm etwas vergönnt.

 

Das Österreichteam musste sich aus der EM verabschieden. Was ist jetzt dran?

 

Vieböck: Das nächste Ziel ist, dass sie das ordentlich verdauen, die Enttäuschung verarbeiten, Urlaub machen und den Kopf wieder freibekommen. Und sich dann neu sammeln für die nächste Aufgabe. In zwei Jahren gibt es die Weltmeisterschaft, und hoffentlich werden sie sich wieder qualifizieren.

 

Ich hoffe, dass man aus den Erfahrungen, die man jetzt gemacht hat – von Euphorie, von Niederlage, auch davon, wie man auf einen unglücklichen Spielverlauf reagieren kann – dass man daraus lernt und das nächste Mal mit eigener Qualität und einem gewissen Spirit erfolgreich ist.

 

Wilhelm Vieböck wird von allen Willi Vieböck genannt. Er ist Bischofsvikar für pastorale Aufgaben, Dompropst, Pfarrprovisor in Linz-St. Michael und Herausgeber der Kirchenzeitung der Diözese Linz. Und treuer LASK-Fan.
 

 

Wilhelm Vieböck
Wilhelm Vieböck
© Appenzeller/Diözese Linz
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