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Severin-Akademie zu KI als Ersatzreligion

KIRCHE_OÖ

Die Severin-Akademie beschäftigt sich heuer mit den Verheißungen künstlicher Intelligenz (KI) und wie „Technologiegläubigkeit“ die klassischen Religionen beeinflussen könnte.

Ausgabe: 01/2025
30.12.2024
- Lisa-Maria Hammerl
KI ist eine Technologie, die Gesellschaft und Religionen beeinflusst.
KI ist eine Technologie, die Gesellschaft und Religionen beeinflusst.
© Ipopba/Adobe Stock

Wo Verheißung im Kontext von KI benutzt wird und welche Bedeutung verschiedenste Menschen der neuen Technologie zuschreiben, damit hat sich Stefan Selke von der Universität Furtwangen beschäftigt.

 

Er ist dort Professor für „Gesellschaftlichen Wandel“ und wurde vom Forum St. Severin als Referent für die heurige Severin-Akademie geladen. Selke geht es in seiner Forschung nicht darum, was künstliche Intelligenz alles kann oder in Zukunft können wird, sondern um die Bedeutungszuschreibung seitens der Menschen. 

 

Trost und Hoffnung durch KI


Die Erkenntnisse beschreibt er in seinem Buch „Technik als Trost“: „In einer erschöpften Welt, die säkular, entfremdet resigniert ist und in der die Trostfunktion religiöser Verheißung auf dem Rückzug ist, bekommen technisierte Verheißungen mehr und mehr religiöse Unterströmungen.“ Technologien wie KI würden so als Trostersatz fungieren, würden aufgeladen mit Hoffnungen wie jener, dass einem Last abgenommen werde.

 

Diese „Technologiegläubigkeit“ führt Selke auch darauf zurück, dass für einen Großteil der Menschen KI und die Basis-Technologie dahinter ein Mysterium darstellt: „Gerade weil KI so undurchschaubar ist, ist es einfach, ihr etwas Göttliches zuzuschreiben. Sie hat etwas Transzendentes, wird mystifiziert und verknüpft mit spekulativ überhöhten Erwartungen und Versprechungen. Alle Elemente einer quasi-religiösen Verheißung sind hier vorhanden.“ Zunehmend werde sich von der Technik eine Linderung des menschlichen, „reflexiven Leidens“ versprochen, wofür man sich zuvor an die Religionen gewandt hat. 

 

„Kirche soll offen sein“


Paul Grünbacher, Vorsitzender der Severin-Akademie, hält es für äußerst wichtig, dass sich die Kirche mit dem Thema KI auseinandersetzt, da sie bereits jetzt viele Lebensbereiche beeinflusse: „Die Kirche sollte aus meiner Sicht offen auf neue Technologien und ihre Möglichkeiten zugehen, gleichzeitig aber eine Brücke zwischen Technologie und Menschlichkeit schlagen. Die Kirche könnte die Entwicklung ethischer Leitlinien unterstützen, um sicherzustellen, dass KI dem Gemeinwohl dient und die Würde des Menschen wahrt.“ KI werfe auch grundlegende Fragen über das Wesen des Menschen und das Verhältnis von Mensch und Schöpfung auf, sagt Grünbacher: „Die Kirche kann dazu beitragen, diese Fragen aus einer theologischen Perspektive zu beleuchten. Die Kirche sollte aber auch als Plattform für einen interdisziplinären Dialog dienen, um Wissenschaft, Gesellschaft und Religion ins Gespräch zu bringen. Das ist auch ein wichtiges Ziel der Severin-Akademie des Forums St. Severin.“

 

Mehr als ein Werkzeug


„KI ist mehr als eine Technologie und ein Werkzeug, sondern ein welterzeugendes und veränderndes Kulturphänomen, an dem wir auch beteiligt sind“, sagt Stefan Selke. Die Entwicklung von KI und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft könne mit einer anderen technischen Errungenschaft verglichen werden, die heute nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken ist: Elektrizität. „Auch Elektrizität war nicht nur eine technische Lösung, sondern führte zu einem Kulturwandel. Anfangs wurde noch gestritten, ob Elektrizität oder Gas verwendet werden sollte, ob Gleichstrom oder Wechselstrom, doch irgendwann konnte sich dem keine:r mehr entziehen. Es wurde zu einer kulturellen Notwendigkeit, zur Normalität. Beispielsweise würde es heutzutage wohl niemandem einfallen, ein Haus ohne elektrische Anschlüsse zu bauen.“ 

 

Spirituelle Tiefe nicht ersetzbar 

 

Angst, dass Technologien wie KI die Rolle der Religion als Trösterin und Hoffnungsgeberin übernehmen werden, hat Paul Grünbacher nicht. KI-Systeme wie Chatbots könnten zwar ein niedrigschwelliger Zugang zu Trost und seelsorglicher Beratung sein, doch: „Trotz ihrer Fähigkeiten bleibt KI ein Werkzeug ohne Mitgefühl, denn menschliche Wärme, echte Beziehungen und spirituelle Tiefe können nicht durch Technologie ersetzt werden, die Emotionen nur imitiert. Die Kirche sollte aber nicht nur ihre traditionellen Aufgaben betonen, sondern auch aktiv auf technologische Entwicklungen reagieren, um ihre Relevanz zu bewahren. Denn die Digitalisierung bietet der Kirche auch Chancen, wenn sie die Bedeutung von Werten wie Empathie, Sinnsuche, Spiritualität und Gemeinschaft in einer von Technologie geprägten Welt zeigen kann.“    


Severin-Akademie: „Technik als Trost. Verheißungen künstlicher Intelligenz im Kontext von Zukunftserzählungen“, Mi., 8. 1., 19 Uhr, KU Linz;
Infos: www.fss-linz.at

 

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