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„Ich will nicht, dass meine Kinder Hass lernen“

Kirche OÖ

Der gebürtige Palästinenser Bashir Qonqar hat vor einem Jahr seine Heimat verlassen und ist mit seiner Familie ins Salzkammergut übersiedelt. Ein Gespräch über den Mord an seinem Vater, Extremismus und den Friedensprozess.
 

Ausgabe: 17/2019
23.04.2019
- Paul Stütz
Bashir Qonqar mit seinen Werken. Auch die Situation in seiner Heimat thematisiert er auf künstlerische Weise.
Bashir Qonqar mit seinen Werken. Auch die Situation in seiner Heimat thematisiert er auf künstlerische Weise.
© Michael Mayr/PS

Sie sind in Bethlehem aufwachsen, haben dort geheiratet, leben aber seit einem Jahr mit Ihrer Familie in Bad Goisern. Was führte zu diesem Umzug?
Bashir Qonqar:
Wir haben uns entschieden, nach Österreich zu ziehen, weil das Leben in Bethlehem unter der Besatzung der Israeli nicht einfach ist. Die Situation war immer schwierig, wirtschaftlich und politisch. Meine Frau, die Österreicherin ist, hat außerdem kein Visum mehr von den Israeli bekommen. Wir haben keine Zukunftsperspektive mehr gesehen und wir haben gesagt, wir schauen, wie wir es hier in Bad Goisern schaffen, dem Ort, aus dem meine Frau stammt.


Wie hart war dieser Wechsel für Sie? Haben Sie Heimweh?
Qonqar:
Ich liebe mein Heimatland, ich liebe Bethlehem, das ist ein toller Platz, und meine Freunde sind da. Doch wir haben uns in Palästina nicht mehr wohlgefühlt. Ich habe mir überlegt, ob ich wirklich will, dass meine Kinder an so einem Platz groß werden. In dieser Gesellschaft, wo sie vielleicht negativ beeinflusst werden durch den gegenseitigen Hass. Ich will nicht, dass meine Kinder Hass lernen. Das wäre für mich das Schlimmste. 


Sind Sie selbst ohne Hass aufgewachsen?
Qonqar:
Nein, nicht wirklich. Mein Vater wurde während der Ersten Intifada von der israelischen Armee ermordet, als ich acht Jahre alt war. Am 24. Juli 1988 fand in unserem Heimatort Bait Dschala eine friedliche Demo gegen die Besatzung statt, mein Vater war einer der friedlichen Demonstranten. Die israelische Armee hat zu schießen begonnen. Mein Vater hat es geschafft, zu entkommen, ganz in der Nähe von unserem Zuhause haben sie ihn aber erwischt. Sie haben ihn in sein Bein geschossen, und als er dann auf dem Boden lag, haben sie ihn exekutiert. Meine Mutter und die ganze Nachbarschaft hat das gesehen. Das hat schon einen enormen Einfluss auf meine Mutter, meine drei Geschwister, auf mich, das ganze System. Das war kein einfaches Leben. Am meisten hat mein Studium in Deutschland geholfen, meinen Hass zu überwinden. Da habe ich andere Menschen kennengelernt. Das hat mich verändert. Das war sehr ­wichtig, dass ich diese Zeit außerhalb von Palästina gelebt habe.


Sie sind in Bait Dschala aufgewachsen, einem Ort in der Nähe von Bethlehem, in dem mehrheitlich Christen leben. Wie viel Kontakt hatten Sie zur israelischen Bevölkerung? 
Qonqar:
Ich hatte das Glück, viel mit Israeli in Kontakt zu stehen. Auch mein Vater hatte viele Freunde aus Israel. Das Zusammenleben hat dort, wo ich gewohnt habe, eigentlich gut funktioniert. Das war aber vor dem Mauerbau, der 2003 begonnen hat. Nach 2001 kamen in Israel Politiker an die Macht, die nur zerstört haben. Die Mauer hat die Menschen physisch voneinander getrennt. Das hat dazu geführt, dass sich das Bild vom Feind in den Köpfen der Menschen verschärft hat. Was kennen die palästinensischen Jugendlichen heute von den Israeli? Das ist der Soldat, der zu uns kommt. Mit der ganzen Frustration gab es mehr Anschläge, und viele Israeli sehen die Palästinenser dadurch nur als Terroristen. Ich glaube ganz fest, dass die Mauer ganz viel zwischen den Menschen zerstört hat.

 
Sehen Sie Hoffnung für den Friedensprozess? 
Qonqar:
Die Hoffnung darf man nie verlieren. Ich wünsche mir, dass ich irgendwann mit meinen Töchtern ins Heilige Land fliegen und ihnen das Schöne dort zeigen kann. Aber nicht in den nächsten fünf, sechs Jahren. Es ist bislang nur schlimmer geworden. Ich hoffe, dass es für die Zukunft für beide Seiten eine Lösung gibt. Die Besatzung ist ein großes Hindernis für die Entwicklung der Region. In der israelischen Bevölkerung sind nicht alle einverstanden mit der Politik der rechten Regierung in Israel. Auch sie sind gezwungen, ihre Kinder als Soldaten in das Westjordanland zu schicken. Ein Problem ist auch, dass Juden aus Russland nach Israel einwandern, die kein Verständnis für die gemeinsame Kultur von Palästinensern und Israeli haben. Das wäre aber die Basis für den Friedensprozess. Sie definieren sich nur über die Religion, aber das reicht nicht aus, um die Kultur und die Mentalität zu verstehen. Das hat mit dazu geführt, dass wir diese Situation haben, die Verhärtung der Fronten. Eigentlich sollten beiden Seiten erkennen, dass sie nicht zu 100 Prozent im Recht sind. 


Extremisten gibt es ja auf beiden Seiten, bei den Israeli und bei den Palästinensern.
Qonqar:
Ja, wobei die Demonstrationen der Palästinenser gegen Ungerechtigkeit nicht alle extrem sind. Es gibt das Recht, dass die Menschen für ihre Freiheit einstehen. Das Problem sind die Menschen, die Gewalt benutzen, das sind die Extremen, da muss man differenzieren können. Ich rede sowohl von den israelischen Siedlergruppen, die im Westjordanland Palästinenser systematisch attackieren, als auch den Palästinensern, die Anschläge verüben.


Es gibt eher wenig Palästinenser, die sich in der Friedensarbeit engagieren. Woran kann das liegen?
Qonqar:
Es gibt schon ein paar, die in der Friedensarbeit tätig sind, aber nicht so viele wie erwünscht. Palästinenser, die Frieden wollen, werden schnell als Verräter eingestuft, weil viele sagen: „Wir sollten gegen die Israeli kämpfen, bis wir unsere Freiheit bekommen.“ 


Sie thematisieren die Situation in Israel und Palästina auch in Ihrer Arbeit als Künstler. Was ist Ihnen dabei wichtig?  
Qonqar:
In meiner Kunst geht es um das Menschliche, ich kritisiere dabei auch die Palästinenser. Zum Beispiel thematisiere ich in einem Werk, dass die Besatzung von den Palästinensern manchmal als Ausrede dafür benutzt wird, die Verantwortung wegzuschieben, etwa um Untätigkeit zu rechtfertigen. Oder dass die Palästinenser teilweise zu wenig sorgsam mit der Natur umgehen. Auch das will ich zeigen. 


Sie arbeiten als Künstler und als Sozialpädagoge. Welchen Aufenthaltsstatus haben Sie hier in Österreich?  
Qonqar:
Österreich erkennt den palästinensischen Staat nicht an. Hier sein darf ich als Familienangehöriger, der mit einer Österreicherin verheiratet ist. Voraussetzung ist aber, dass ich Arbeit habe. Ich muss zeigen, dass ich genug verdiene, um das Recht zu haben, hierzubleiben. Das sind die Regeln; ich verstehe das schon, aber gegenüber meiner Familie wäre es ungerecht, wenn ich das Land verlassen müsste. Es geht nicht nur um mich, es geht um die anderen die an mir hängen.
 

 

Zur Person
Bashir Qonqar (38)
ist griechisch-orthodoxer Christ und in Bait Dschala bei Bethlehem aufgewachsen. Der Palästinenser besuchte die Schule „Talitha Kumi“, die von der evangelischen Kirche geführt wird. Er kam zum Studium nach Deutschland und arbeitete einige Jahre im Caritas Baby Hospital in Bethlehem. 

 

Sozialpädagoge und Künstler. Qonqar lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Bad Goisern. Er arbeitet im Salzkammergut als Sozialpädagoge, vor allem mit Jugendlichen und in der Familienbetreuung. Zudem ist er als Künstler tätig und hat schon in zahlreichen Galerien im In- und Ausland ausgestellt. Sein Atelier hat er im katholischen Pfarrhof in 
Goisern. 

Bashir Qonqar ist überzeugt, dass die Mauer zwischen den verschiedenen Welten nicht die Religion ist. „Das ist ein politischer Konflikt“, sagt er über die Lage in Israel und Palästina.
Bashir Qonqar ist überzeugt, dass die Mauer zwischen den verschiedenen Welten nicht die Religion ist. „Das ist ein politischer Konflikt“, sagt er über die Lage in Israel und Palästina.
© kiz/ps
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