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Der Sündenbock: Hauptsache, jemand ist schuld

Kirche OÖ

Ein Sündenbock ist schnell gefunden. Dass das für alle gesellschaftlichen Bereiche gilt, wurde bei einer Podiumsdiskussion in Ebensee klar. Doch es gibt Auswege aus der ständigen Suche nach einem Schuldigen.
 

Ausgabe: 43/2019
22.10.2019
- Paul Stütz
Diskutierten auf dem Podium: Manfred Scheuer, Maria Hasibeder, Moderator Hans Promberger
Diskutierten auf dem Podium: Manfred Scheuer, Maria Hasibeder, Moderator Hans Promberger
© kiz/PS

Sicher ist sicher. Für die Sünden, zu denen sich keiner bekennt, gibt es den Ziegenbock – vom Hohepriester beladen –, der alle Fehltaten in die Wüste fortträgt. Die Israeliten wollten mit diesem Ritus dem Zorn Gottes entgehen und „erfanden“ den Sündenbock zu alttestamentarischen Zeiten. Bischof Manfred Scheuer erinnerte bei der Podiumsdiskussion in Ebensee zum Thema „Brauchen wir heute wieder Sündenböcke?“ nicht nur an den Ursprung des Begriffs, sondern verwies auch auf Zeiten, in denen es eine besonders fatale Wirkung hatte, einer Gruppe die Schuld an allem zu geben. Adolf Hitler habe den Juden alle vermeintlichen Fehlentwicklungen in Politik, Kultur und Finanzen in die Schuhe geschoben. „Er verteufelte die Juden.“ Wer einen Sündenbock brauche, verstehe sich gut in der Kunst, selbst nie zuständig zu sein und Verantwortung wegzugeben, so der Bischof weiter. 

 

Orbán und die Sündenböcke

Dass auch heute populistische Politiker/innen mit Feindbildern arbeiteten, strich Lucia Göbesberger, Leiterin der Abteilung Gesellschaft und Theologie der Diözese Linz, hervor. Sie konnte sich von dieser gefährlichen Praxis bei einer Arbeitsreise nach Ungarn überzeugen. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán habe es geschafft, gesellschaftliche Gruppen als Sündenböcke abzustempeln und an den Rand zu drängen. „In Ungarn gibt es deshalb keine Arbeitslosenunterstützung mehr, die Ethik bleibt außen vor“, erzählte Göbesberger. 
Doch nicht nur auf der politischen Bühne hätten Sündenböcke Konjunktur, wie Maria Hasibeder, Präsidentin der Katholischen Aktion OÖ; berichtete. Als pensionierte Schuldirektorin weiß sie: „Mobbing ist für mich ein Sündenbockthema, und es nimmt leider massiv zu.“ Die Probleme fangen oft unscheinbar an: „Die Sündenböcke wachsen mit der Zeit.“ Gerade beim Cybermobbing würde den Täterinnen oder Tätern oftmals das Gespür für die verheerende Wirkung bei den Opfern fehlen, so Hasibeder. Sie beobachte in der Schule oftmals eine Art „Schuldverschiebespiel“. „Wenn ein Schüler nicht so gut ist in der Schule, kann es leicht passieren, dass er seine Versagensängste auf andere überträgt und so zum Mobbingtäter wird“, erklärte Maria Hasibeder. 

 

Jesus als Vorbild

Sündenböcke seien in der Regel mit massiven Vorurteilen beladen, betonte Wolfgang Quatember, Leiter des Zeitgeschichtemuseums Ebensee, in seinem Statement: „Man legt sich die Information zurecht, die Differenzierung fehlt total.“ Die Gesellschaft schaffe jedoch die Rahmenbedingungen, inwieweit man sich an Sündenböcken ausleben kann. Darin liege auch eine Chance: „Durch Fakten lassen sich Vorurteile nicht abbauen, aber sehr wohl durch den Kontakt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen.“ Ähnlich die Erfahrung von Maria Hasibeder aus der Schule: „Wenn alle an einen Tisch gebracht werden, kann es funktionieren, dass ein gutes soziales Klima entsteht.“ Womit Sündenböcke letztendlich nicht mehr gebraucht würden. Ein Vorbild in diesem Handeln gebe es auch in der Bibel, wie Bischof Manfred Scheuer meinte. „Jesus sah in anderen Menschen Könige und nicht Sündenböcke“. «

 

 

Visitation in Bad Ischl


Bischof Manfred Scheuer und die Diözesanleitung waren von Sonntag, 13. bis Sonntag, 20. Oktober zu Gast im Dekanat Bad Ischl. Auf dem Programm standen u. a. Wanderungen, Gottesdienste  und der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Ebenseeund nicht zuletzt die Podiumsdiskussion in Ebensee zum Thema „Brauchen wir  heute wieder Sündenböcke?“.

 

Wolfgang Quatember und Lucia Göbesberger (von rechts)
Wolfgang Quatember und Lucia Göbesberger (von rechts)
© kiz/ps
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