Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
An diesem Tag beschließe ich, die Studierenden künftig von dem Kind prüfen zu lassen. Keine ausgeklügelte dogmatische Formulierung bringt es so auf den Punkt: Warum starb Jesus – und vor allem so grausam?
Die Folter und qualvolle Hinrichtung Jesu ist für seine Freunde ein Schock. Und bis heute ist das Kreuz eine Provokation. Was soll das für ein Gott sein? Im Mittelalter kommt der hoch angesehene Theologe Anselm von Canterbury zu einer folgenreichen Erklärung. Anselm lebt unter Germanen. Ihre Gottesvorstellung besagt: Wenn Menschen einen Gott beleidigen, dann braucht es ein Opfer, um die Ehre wiederherzustellen. Und da die Menschen Gott so unendlich beleidigt haben mit ihren Sünden, kann nur Gott selbst dieses Opfer bereitstellen: seinen Sohn. Diese „Satisfaktionslehre“ – der in seiner Ehre gekränkte Gott müsse besänftigt werden durch das blutige Opfer seines Sohnes am Kreuz – war der Versuch, christlichen
Glauben den Germanen verständlich zu machen. Eine gute Absicht, aber es entstand das Bild eines jähzornigen, beleidigten Gottes, der nur mit einem Opfer beruhigt werden kann.
Doch der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der in Jesus Mensch wird, will keine blutigen Opfer. „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern“, spricht Gott (Hosea 6,6). Jesus mahnt die Pharisäer. „Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“ (Matthäus 9,13) Was aber passiert mit jenen, die die Liebe und Gottesnähe in dieser Welt vorleben?!
Jesus ist kein blutiges Schlachtopfer an einen beleidigten Gott. Jesus lebt die Liebe und Barmherzigkeit, die Gott selbst ist, in einer von Gewalt, Neid, Machtgelüsten geprägten Welt. Das Kreuz zeigt nicht die Gewalt Gottes, sondern die Gewalt von Menschen. Und es erinnert uns: Gott bekennt sich in der Auferstehung zu den Liebenden, Geschundenen und Unterdrückten der Welt. Ihnen wird das Leben in Fülle geschenkt.

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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