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Ostern – Mut zur Hoffnung

GLAUBENS_GUT

Die notwendige Spannung zwischen dem Karfreitag und Ostern und die Verwandlung des Lebens sind die Themen, mit denen sich Bischof Manfred Scheuer an die Leserinnen und Leser der Kirchenzeitung wendet. 

Ausgabe: 14/2026
31.03.2026
- Manfred Scheuer
„Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jesaia 11,1)
„Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ (Jesaia 11,1)
© jes2uphoto / Adobe Stock

Zwischen Karfreitag und Ostersonntag spannt sich ein Raum, in dem sich das ganze menschliche Leben spiegelt: Leid und Hoffnung, Bruch und Neubeginn. Die Spannung zwischen Kreuz und Auferstehung ist kein theologisches Konzept, sondern die Wirklichkeit unseres Lebens. In dieser Spannung atmet der christliche Glaube.

 

Ein grausam ehrlicher Tag


Optimismus oder Pessimismus? Ostersonntag oder Karfreitag? Es gibt Menschen, die am Karfreitag zum Gebet kommen, das Halleluja des Ostermorgens jedoch kaum ertragen. Der Karfreitag ist ein Feiertag, an dem es nichts zu feiern gibt. Es ist ein Tag, an dem Ostern viel weiter weg ist als zwei oder drei Kalendertage. Es ist ein Tag der Trauer über die traurige Realität, über das Ende bisheriger Gewissheiten; es ist ein Tag, an dem Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung ihren Platz haben – Verzweiflung über persönliches Leid, Verzweiflung über den Zustand der Welt mit seinen Kriegen und Unmenschlichkeiten. Der Karfreitag ist ein Tag, der das Leid und die Leidenden ehrt und würdigt. Es ist ein grausam ehrlicher Tag, ein Tag ohne Hoffnung auf Halleluja und Auferstehung.
Ostern ist ein unfassbares, ja ein schier unmögliches Fest. Der hingerichtete und begrabene Jesus begegnet den Jüngerinnen und Jüngern nach den Zeugnissen der Evangelien ganz lebendig, als Sieger über den Tod. – Auf den Gemälden der Renaissance ist eine Durchquerung des Unmöglichen oft eindrucksvoll dargestellt: Man sieht dort, wie am Jüngsten Tag Skelette aus den Särgen steigen und sich mit Haut und Muskeln bekleiden. Auferstehung ist jedoch nicht eine Wiederbelebung des Vergangenen; sie ist das Wunder neuer Hoffnung in den alten hoffnungslosen Situationen.

 

Nicht ohne Karfreitag


Optimismus oder Pessimismus? Ostersonntag oder Karfreitag? Optimismus, das heißt: niemals aufgeben, immer weitermachen, im Negativen auch das Positive sehen! Was den Optimismus attraktiv macht, ist ein konsequentes Denken in Möglichkeiten, in Optionen. Der Pessimist kennt nur eine Laufrichtung der Welt, der Optimist hingegen sieht Alternativen, Chancen, er erkennt Potenziale. Und das ist auch ein Appell zur Mitgestaltung des Weltgeschehens durch den Menschen. 

 

Positives im Pessimismus


Es gibt jedoch auch eine positive Dimension des Pessimismus: Ostern ohne Karfreitag wäre eine Illusion, eine billige Vertröstung. Der Karfreitag ohne Auferstehung wäre freilich eine einzige Katastrophe. Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-Leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft. 
Eine Hoffnung ohne Mitleid mit den Schwachen, ein Glaube an die Auferstehung ohne Solidarität mit den Leidenden und Toten wäre hohl und leer. Mit bloßen Forderungen, Kommandos, Postulaten werden die Hungrigen noch nicht gespeist, mit Wunschträumen die Wunden noch nicht geheilt, mit Programmen allein gibt es noch keine Versöhnung.

 

Vom Wunder der Wandlung


Ostern, die Auferstehung Jesu Christi, diese unfassbare und doch wunderbare Tat Gottes, ist das höchste Fest der Christen. Die Lesungen der Osternacht verdeutlichen: Ostern ist verbunden mit den Festen Israels, Pesach und Mazzot, dem Gedächtnis der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten, mit dem Mahl des Lammes und der ungesäuerten Brote. Es ist das Fest des Lebens, angefangen von der Schöpfungserzählung über die große Lebenserneuerung in der Taufe bis hin zur endgültigen Verwandlung des Kosmos. Von der Liturgie her ist Ostern der Durchbruch von der Nacht zum Tag. Es ist eine große Verwandlung, die zu einem Leben in der „neuen Wirklichkeit“ drängt.
Wer an die Auferstehung glaubt, richtet die Aufmerksamkeit gezielt auf diesen Wendepunkt: das Wunder der Wandlung. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Worte „Wunde“ und „Wunder“ heute noch ähnlich klingen. Das größte Wunder des Lebens ist die Heilung von Wunden. Das Wunder der Wandlung vom Tod zum Leben ist die Auferstehung. Es macht aus ohnmächtigen Opfern, aus rückwärtsgewandten Menschen inspirierende Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung. Wandlung und Verwandlung spielen daher im Neuen Testament eine zentrale Rolle. 

 

„Erneuert euer Denken“


So appelliert Paulus im Römerbrief (12,2): „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken.“ Paulus verwendet hier das Wort Metamorphose, um deutlich zu machen, dass es um eine radikale Veränderung geht. Lasst euch verwandeln! Paulus ist davon überzeugt, dass der österliche Glaube eine solch tiefgreifende Wandlung ermöglicht. Niemand muss so bleiben, wie er oder sie ist. Mit der Auferstehung vor Augen können Menschen gewohnte Verhaltensmuster aufbrechen, ausgefahrene Straßen verlassen und einen Neuanfang wagen.


Es braucht Hoffende


Der Osterglaube gibt dem christlichen Leben eine entscheidende Dimension. Wir sind geprägt von Verwicklungen unserer Biografie, unseren Schwächen und Grenzen genauso wie von unserem Lebensglück, unseren liebevollen Seiten und unserer Fähigkeit zu lieben. Der Glaube an die Auferstehung meint, dass Gott dieses Leben, so wie es ist, annimmt und verwandeln will. Schon im Leben vor dem Tod will Gott Auferstehung ermöglichen. Hoffnung auf ewiges Leben und Gestaltung des „diesseitigen“ Lebens im Geiste Jesu gehören für Christinnen und Christen zusammen. Es braucht in dieser Welt einfach Menschen, die sich weigern, nicht zu hoffen.


+ Manfred Scheuer,
Bischof von Linz

+ Manfred Scheuer, Bischof von Linz
+ Manfred Scheuer, Bischof von Linz
© © Diözese Linz / Hermann Wakolbinger
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