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Biennale Arte Venezia: Das Ohr ist das Auge der Seele

WELTKIRCHE_

Hildegard von Bingen ist Inspiration und Leitfigur der Biennale Arte Venezia 2026: ein Bericht von Herta Gurtner aus Venedig.

Ausgabe: 20/2026
12.05.2026
- Herta Gurtner
Der Garten – der Pavillon des Heiligen Stuhls legt mystische Dimensionen offen und ist von Hildegard von Bingen inspiriert.
Der Garten – der Pavillon des Heiligen Stuhls legt mystische Dimensionen offen und ist von Hildegard von Bingen inspiriert.
© APA-Images / AP / Luca Bruno

Ganz im Zeichen des diesjährigen Themas der Biennale Arte, „In Minor Keys“, das von der vor einem Jahr verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh geprägt wurde, steht der Pavillon des Vatikans. An zwei Orten in Venedig erhalten Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, in die mystische Gedankenwelt Hildegard von Bingens einzutauchen und zugleich der Betriebsamkeit der Biennale zu entkommen.

 

Göttliche Lebenskraft


Für Hildegard von Bingen (1098–1179) waren der Atem als göttliche Lebenskraft, der Gesang als Ausdruck der Harmonie der Schöpfung und das wahre Verstehen, das dort beginnt, wo der Mensch innerlich zu hören vermag, untrennbar miteinander verbunden. Dieser Vorstellung widmet sich unter dem Titel „Das Ohr ist das Auge der Seele“ ein Teil des Projekts im Giardino Mistico der Karmeliten. Hier, nur wenige Schritte entfernt von der Hektik rund um den Bahnhof, steht alles im Zeichen der leisen Töne. Der Garten wirkt wie ein kleines Paradies auf Erden: Blumen, Kräuter- und Gemüsebeete, Weinreben und dazwischen wandelnde Besucherinnen und Besucher. Über Headsets erklingen Kompositionen, Gedichte und Gesänge, die Natur, Spiritualität und Klang miteinander verweben. Protagonistinnen sind unter anderem Patti Smith, FKA Twigs, Moor Mother oder Caterina Barbieri, die Direktorin der Biennale Musica, die sich aktuell intensiv mit den Kompositionen Hildegard von Bingens beschäftigt. Alle Beiträge greifen Motive aus ihren Visionen und Schriften auf und untersuchen Themen wie Stimme, Stille, Erinnerung und Transzendenz. Wer sich die notwendige Zeit nimmt, erlebt einen Moment der Entschleunigung und Kontemplation. Manche mögen den durchgehenden Klangteppich als zu homogen und allzu sanft empfinden, doch der Ort entfaltet eine eindringliche, meditative Atmosphäre.


Hildegard von Bingen verstand unter dem Begriff Viriditas die Vorstellung einer beseelten, lebendigen Welt, in der alles durch einen göttlichen Lebensatem miteinander verbunden ist. Hier im Garten ist diese Idee auf besondere Weise spürbar – ein göttlicher Lebensatem, der alles Lebende durchströmt.

 

Eine inspirierende Heilige


Kardinal José Tolentino de Mendonça, Präfekt des Dikasteriums für Kultur und Bildung des Heiligen Stuhls und selbst Dichter, äußert sich dazu wie folgt: „Der Heilige Stuhl hat heuer Hildegard von Bingen als Inspiration für den Pavillon gewählt. Sie stammt zwar aus der Vergangenheit, ist heute jedoch aktueller denn je.“ Er verweist auch auf den Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge, der meinte, dass es angesichts von Katastrophen auch Trost geben müsse. Diesen Gedanken greift das Projekt auf: Trost entsteht durch Erzählungen. Der Garten wird als emotionale, aber auch spirituelle Erzählung wahrgenommen – durch Musik, Texte, die von Hildegard von Bingen inspiriert wurden, und nicht zuletzt durch die Natur selbst. Ebenso verhält es sich mit dem Glauben, der nicht allein rational erfahrbar ist, sondern immer auch das Gefühl anspricht. – Dieser Pavillon des Heiligen Stuhls eröffnet alle Dimensionen des Mystischen, sowohl die der Vernunft als auch die der Sinne. Er bietet eine sehr menschliche, zugleich aber auch eine spirituelle Erfahrung.

 

Kirche als Ort des Lesens


In der Kirche Santa Maria Ausiliatrice in der Via Garibaldi befindet sich der zweite, reflektierende und archivierende Teil des vatikanischen Pavillons. Hier wurde ein zeitgenössisches Skriptorium eingerichtet, ein Ort des Lesens, Sammelns und Weitergebens von Wissen. Die mehrräumige Installation umfasst Bücher, audiovisuelle Arbeiten, Bilder und Materialien rund um Hildegard von Bingen. Zu sehen sind unter anderem das letzte Werk des kürzlich verstorbenen Filmemachers Alexander Kluge, ein Modell der Architektin Tatiana Bilbao für ein neues Zisterzienserkloster in Brandenburg sowie Bilder der Malerin Ilda David. Der Vatikan knüpft mit der erneuten Nutzung von Santa Maria Ausiliatrice an den Pavillon der Architekturbiennale 2025 an, ein Zeichen der Nachhaltigkeit sowohl in der Infrastruktur als auch in den langfristigen Beziehungen zu Orten und Gemeinschaften in Venedig. Kuratiert wurde das Projekt von Hans Ulrich Obrist, Ben Vickers sowie dem Soundwalk Collective gemeinsam mit dem Dikasterium für Kultur und Bildung am Heiligen Stuhl. 

 

Unsichtbare Frauen 


Auffällig ist, dass die Verantwortung für den Vatikan-Pavillon auf der Biennale in diesem Jahr ausschließlich bei Männern liegt. Kurator Ben Vickers betont zwar im Gespräch mit uns die Rolle einer Reihe von Hildegard-Forscherinnen beim Entstehen des Klanggartens: Die Musikwissenschaftlerin Honey Meconi bereitete die Materialien für Musikerinnen und Künstlerinnen vor und die ungarische Benediktinerin Maura Zátonyi aus Eibingen, dem Kloster, in dem Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert lebte, habe viel Grundlegendes beigetragen. Gefragt nach der fehlenden namentlichen Präsenz von Frauen im Organisationsteam, antwortete er: „Wir arbeiten alle für eine Frau, für Hildegard von Bingen. Wir arbeiten alle aus Verehrung für Hildegard von Bingen. Unter den vielen Menschen, die an dem Projekt beteiligt sind, gibt es mehrere zentrale Frauen, die das Projekt entscheidend geprägt haben, zusätzlich zu Hildegard selbst.“ Warum aber diese zentralen Frauen weder auf den Informationsmaterialien genannt werden noch bei der Eröffnung anwesend waren, ist nicht nachvollziehbar. Leider gibt es keine offizielle Homepage zum Projekt, auf der man die Texte und Gesänge nachlesen und genauere Informationen erhalten könnte.

 

Nachhaltigkeit 


Beim Thema Nachhaltigkeit treffen sich der vatikanische und der österreichische Pavillon. In den Giardini wird das Thema drastischer und provokanter bearbeitet. Florentina Holzinger zeigt mit ihrem Team ebenso wie Hildegard von Bingen, nur mit anderen Mitteln, die Notwendigkeit der Selbstbestimmung von Frauen und der Verantwortung aller für unsere Welt.
 

 

 

Tipps zur Biennale

 

Die Biennale Arte Venezia 2026 zeigt – kuratiert von Koyo Kouoh – aktuelle künstlerische Positionen aus aller Welt und läuft bis 22. November 2026.
Info: Biennale Arte 2026
www.labiennale.org/en

 

Basisinformationen zum Pavillon des Heiligen Stuhls: 
www.labiennale.org/en/art/2026/holy-see

 

Österreichischer Pavillon: 
www.seaworldvenice.at/de

 

Reisetipp für Juli: Das Kardinal König Haus bietet für 15. und 16. Juli eine Exkursion (mit Selbstanreise) zur Biennale an mit Sr. Ruth Pucher MC und Martina Gelsinger, Kunsthistorikerin und Kuratorin aus Linz.
www.kardinal-koenig-haus.at 

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Reinhard Macht
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Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.

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