Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Als US-Kriegsminister Pete Hegseth bei einem Gottesdienst im Pentagon (dem Sitz seines Ministeriums) ein Gebet aus einem Gangster-Film statt aus der Bibel sprach und falsch zitierte, vermuteten viele, er habe sich geirrt. Das muss aber nicht sein, denn Hegseth macht es wie viele andere. Die Religion muss seine Politik unterstützen. Zitate und Bilder werden eingesetzt, wie es gerade passt – notfalls erfunden. Niemand sagt, dass der scheinbar religiöse Zusammenhang stimmen muss.
Um mit Religion Stimmung zu machen, wird häufig Brauchtum herangezogen. Ob Palmbuschen, der Nikolausbesuch oder das Kreuzzeichen selbst: Welche Bedeutung sich dahinter verbirgt, scheint zweitrangig zu sein – Hauptsache, es wird verteidigt.
Das Verhältnis zwischen Brauchtum und Religion ist tatsächlich vielschichtig. Auf den ersten Blick scheinen sie eng zusammenzugehören. Was wäre Ostern ohne Hasen, Eier und Pinzen? Aber halt: Wie der Hase zur Auferstehung Jesu gehört, ist nicht einfach zu erklären. Und in vielen, ja, den meisten Ländern dieser Erde ist der Osterhase unbekannt – Ostern wird trotzdem gefeiert, nur anders. Es gibt viele verschiedene Rituale, die zu ein und demselben christlichen Fest passen können.
Wenn jedoch eine Religion versucht, sich sämtlicher Volksbräuche zu entledigen und zu einer „reinen Religion“ zu werden, ist das durchaus gefährlich. Darauf weist die Religionswissenschaftlerin Astrid Mattes hin. „Letztendlich kann man keine klare Linie zwischen Brauchtum und Religion ziehen, denn das würde die Idee voraussetzen, dass es so etwas wie eine reine Religion gibt. Das wäre eine Rutsche in eine fundamentalistische Auslegung von Religion, die potenziell gefährlich ist.“ Man stelle sich vor, es gäbe ein religiöses Verbot, einander etwas zu Weihnachten zu schenken. Die Intention könnte sein, das Augenmerk auf die Geburt Jesu zu lenken. Aber wie viele würden das Fest dann noch feiern? Und würde das Verständnis für die Menschwerdung Gottes dadurch wirklich wachsen? Das Verdrängen der Bräuche aus dem Bereich des Religiösen könnte mehr Probleme schaffen als lösen.
In die andere Richtung ist die Entkoppelung häufiger: Viele Bräuche werden gepflegt, ohne dass darin ein tiefer oder gar religiöser Sinn gesehen wird. Dadurch werden sie auch anfällig für politische und nationalistische Vereinnahmung. Oder für Kommerzialisierung, wie Mattes bemerkt. Feste werden dann in erster Linie als Anlass wahrgenommen, etwas zu kaufen. „Feste wie Ostern und Weihnachten sind Konsumfeste, die wir vielleicht mittlerweile primär über die Konsumwelten herum wahrnehmen. Wir merken, es wird Ostern, weil überall Osterhasen im Geschäft stehen. Wir merken, es ist Nikolo, weil uns die Flugblätter sagen, wir sollen die entsprechende Schokolade kaufen.“ Das Einkaufen selbst könne dabei sinnstiftend wirken, sagt die Religionswissenschaftlerin. Und das auch dann, wenn man nicht weiß, warum man den Schokohasen kauft. Als Ersatzreligion würde sie den Konsum dennoch nicht bezeichnen. „Das ist das Spezielle am Neoliberalismus und an der kapitalistischen Welt, wie wir sie heute erleben, dass es nicht um die großen sinnstiftenden Zusammenhänge geht“.
Dass sich Bräuche aus dem religiösen Zusammenhang lösen, ist also nichts Ungewöhnliches. Dass sich Religion von Bräuchen löst, kommt seltener vor. Für eine Weltreligion wie das Christentum ist es allerdings sogar notwendig, sich von Sitten und Gebräuchen einer bestimmten Kultur zu trennen, um in einer anderen Kultur Verbreitung zu finden. Der Glaube an Christus ist in einer konkreten Region zu einer bestimmten Zeit entstanden und wurde von dieser Kultur geprägt. Allerdings haben bereits die Apostel einen entscheidenden Schritt gesetzt, und zwar in der Frage, ob sich Heiden, die Christen werden wollen, beschneiden lassen müssen. Die Apostelgeschichte beschreibt beide Standpunkte, die es in der Anfangszeit gab. Nicht wenige waren der Ansicht, dass die Beschneidung notwendig dazugehöre. Wie könnte man an den Juden Jesus glauben, wenn man nicht durch Beschneidung die jüdische Kultur und das Gesetz angenommen hat? Andere meinten: Ob beschnitten oder nicht – alle können den Juden Jesus als Sohn Gottes verehren und sich zu ihm bekennen. Diese Gruppe, mit Paulus und Petrus als prominenten Vertretern, setzte sich durch. So konnte der Glaube an Christus auch außerhalb der jüdischen Kultur angenommen werden.
Mit dem Ziel vor Augen, die befreiende Botschaft Jesu Christi Menschen auf allen Kontinenten zu verkünden, musste das Christentum immer wieder prüfen: Welche Üblichkeiten sind verbindlich, sind unverhandelbar mit dem christlichen Glauben verbunden, und welche Elemente nicht? Welche Bräuche passen zwar in Europa, wären aber in anderen Erdteilen ein Hindernis? Viele Bräuche sind weitaus kleinräumiger verbreitet als auf einem ganzen Kontinent. Astrid Mattes erzählt von einem Beispiel aus dem Kärntner Lavanttal, der Schwammweihe. Der Pfarrer weiht am Karsamstagmorgen die mitgebrachten Baumschwämme der Gläubigen. „Kinder gehen dann mit den rauchenden Schwämmen von Haus zu Haus und geben ein Stück vom gesegneten Baumschwamm in die Öfen hinein.“ Ein Brauch, der für die Menschen dort wertvoll ist, für andere unbekannt oder befremdlich.
Wenn es darum geht, das Christentum als identitätspolitischen Marker zur Abgrenzung gegen andere zu verwenden, grenzen sich die Kirchen in Österreich immer wieder ab, beobachtet Astrid Mattes. „Wenn es zum Beispiel in der Politik heißt, wir sind christlich, deswegen sind andere Religionsgruppen, in erster Linie Musliminnen und Muslime, ein Problem. Dagegen ist die katholische Kirche, die evangelische Kirche immer sehr klar aufgetreten. Viel mehr bleibt den Kirchen nicht übrig als zu sagen, da machen wir nicht mit, da sind wir nicht an Bord.“ Gleichzeitig gebe es aber Christinnen und Christen in Österreich, die bei dem Trend mitmachen, Religionen gegeneinander auszuspielen, „und die dann vielleicht mit ihrer eigenen Kirche nicht mehr mitgehen“.
Wie sich Europa, wie sich die Welt ohne Christentum entwickelt hätte, wird man nie feststellen können. Tatsache ist laut Mattes, „dass das christliche Menschenbild Europa stark geprägt hat“. Nur so konnten sich in der Zeit der Aufklärung Politik und Kultur Richtung Christentum abzugrenzen beginnen. „Kultur, Religion und Politik gab es vorher nicht als separate Bereiche.“ Bis heute sei die Trennlinie dazwischen nicht leicht zu ziehen. Grundsätzlich sei die Trennung aber wichtig. „In unserem Staatsverständnis macht es Sinn, Religion und Staat zu trennen, weil es als Schutz für beide Seiten konzipiert ist. Das heißt auch, dass es keine staatlichen Übergriffe in die Religion geben kann, dass nicht eine politische Partei sagen kann, okay, diese Religion wird ab jetzt so ausgelegt.“ Die Bedeutungshoheit liege bei den Religionsgemeinschaften. „In dem Sinne müssen ja alle Religionsgemeinschaften auch für Säkularisierung sein, wenn man die Trennung so versteht.“
Ein bis heute richtungsweisendes Statement ist im Jahr 1952 in Mariazell entstanden. Vor dem Hintergrund der österreichischen Geschichte mit der jahrhundertelangen Einheit von Thron und Altar und nach der Erfahrung der Nazi-Diktatur formulierte eine Versammlung von Priestern und Laien das zentrale Anliegen: „Eine freie Kirche in einem freien Staat“.

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
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