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„Der Löwe zeigt endlich Zähne“ - Ein Jahr Papst Leo XIV.

WELTKIRCHE_

Papst Leo (auf Deutsch: Löwe) ist vor einem Jahr Papst Franziskus im Amt nachgefolgt. Unterschiede und Gemeinsamkeiten analysiert Andreas R. Batlogg im Gespräch.

Ausgabe: 18/2026
28.04.2026
- Monika Slouk
Papst Leo XIV. bei einem Gottesdienst am 23. April im Stadion von Malabo, Äquatorialguinea.
Papst Leo XIV. bei einem Gottesdienst am 23. April im Stadion von Malabo, Äquatorialguinea.
© Romano Siciliani/KNA

Das erste Jahr mit Papst Leo XIV. ist zunächst relativ ruhig verlaufen. In den letzten Wochen nahm es nach anmaßenden Wortmeldungen des US-amerikanischen Präsidenten und Vizepräsidenten, die den Papst theologisch belehren wollten, an Fahrt auf – Stichwort „gerechter Krieg“. Hat Papst Leo mit seiner deutlichen Abgrenzung die Feuertaufe bestanden?


Andreas R. Batlogg: Als Papst wird man nicht geboren, und man geht auch nicht ins Konklave, weil man Papst werden will. Das war bei Leo XIV. sicher nicht der Fall. Aber er ist hineingewachsen ins Amt. Schnell hat man von einem Pontifikat der leisen Töne oder sogar von einem Pontifikat der Langeweile geredet. Aber jetzt wächst er da hinein, er wird direkter und lockerer. Auf seiner jüngsten Reise in vier afrikanische Länder war das Thema Frieden, das ihm am Herzen liegt, sehr aktuell. Und gegen die martialische Kriegsrhetorik des US-Präsidenten grenzt sich Papst Leo deutlich ab. Er zeigt, dass er ein Global Player ist. In diesem Sinn hat er die Feuertaufe bestanden. Leo ist ja lateinisch für „Löwe“. Aus meiner Sicht zeigt der Löwe endlich Zähne!

 

Mit seinem Vorgänger Franziskus hat er Gemeinsames und Trennendes. Was sind die größten Unterschiede?


Batlogg: Papst Leo ist nicht so spontan, impulsiv und unkonventionell, wie es sein Vorgänger war. Er wendet sich allen Seiten zu und verteilt Streicheleinheiten. Wenn er der Kurie sagt: Päpste kommen und gehen, aber die Kurie bleibt, dann ist das eine Wohltat für einen Apparat, der sich von Papst Franziskus vor den Kopf gestoßen fühlte. Ob das Taktik ist, weiß ich nicht. Es ist einfach ein anderes Temperament. Ich bin sicher, dass Leo nicht brav und zahm ist. Wenn er klar benennt, dass die Welt von wenigen Tyrannen dominiert wird, die das Völkerrecht missachten, dass Geschäftsleute statt Diplomaten an den Verhandlungstischen sitzen, dass man doch Flüchtlinge nicht schlechter als Haustiere behandeln dürfe, ist er inhaltlich nahe an dem, was Franziskus vertreten hat. Allerdings hat jeder Papst seinen eigenen Stil, das ist legitim.

 

A propos Stil. Von der New York Times wurde Leo XIV. zu den „stilvollsten Menschen 2025“ gezählt, sogar das Modemagazin „Vogue“ lobte ihn als eine der bestgekleideten Persönlichkeiten. Franziskus prägte einen alternativen Stil.


Batlogg: Ja, aber diese Vergleiche bringen nichts. Manchmal vermisse ich die spontanen, markigen Worte von Franziskus, aber die konnten auch krachend danebengehen. Und was Papst Leo betrifft, stört mich nicht, dass er im Apostolischen Palast wohnt oder dass er sich von Montagabend bis Dienstag nach Castel Gandolfo zurückzieht. Das zeigt ja auch, dass er auf sich achtet. Er braucht Erholung. Er wird schon sieben Jahre im Amt sein, bis er so alt ist, wie Ratzinger und Bergoglio bei ihrer Wahl waren. Es ist gut, dass es verschiedene Päpste gibt. Und einen Papst Leo gäbe es nicht ohne Franziskus. Franziskus hat ihn 2023 aus Peru in den Vatikan geholt. Das hätte er nicht machen müssen. Franziskus machte ihn zum Kardinal und brachte ihn somit ins Konklave.

 

Zu welchem Papst außer Franziskus sehen Sie starke Verbindungen?


Batlogg: Zunächst verbindet ihn der selbstgewählte Name Leo mit dem letzten Leo-Papst, Leo XIII. Der war ein autoritärer Knochen, aber von ihm stammt die erste Sozialenzyklika 1891, Rerum Novarum. Er war übrigens als Übergangspapst gewählt worden, aber dann noch 25 Jahre im Amt. Ein anderer Leo, das war Leo X., exkommunizierte den Augustiner-Mönch Martin Luther. Auch Leo XIV. ist Augustiner. Wir könnten im Bereich der Ökumene noch Überraschungen erleben. Der Wahlspruch des Papstes lautet „In illo uno unum“, was so viel heißt wie: „In diesem Einen eins sein“. Das ist ein Appell, auf Christus zu schauen. Vielleicht überwinden wir dann manche theologischen Streitfragen, Gräben oder Verwundungen.


Welchen Einfluss hat, dass Papst Leo in Peru Bischof war?


Batlogg: Er kennt beide Welten – die nördliche und die südliche Hemisphäre. Dadurch hat er einen schärferen Blick auf die Klimaproblematik oder die Generationengerechtigkeit. Er spricht viele Sprachen, wirkt mit seinen 70 Jahren recht jung und fit. Dass er bereits im vierten Wahlgang gewählt wurde, ist ein Zeichen, dass die Grabenkämpfe unter den Kardinälen nicht so groß waren, wie zuvor kolportiert wurde.

 

Wie wird es mit der Synodalität in der Kirche weitergehen?


Batlogg: Das Thema ist Papst Leo sehr wichtig, ebenso wie Armut, Gerechtigkeit, Frieden. Er hat den weltweiten synodalen Prozess, den Franziskus noch aus der Gemelli-Klinik heraus bis 2028 verlängert hat, übernommen. Das hätte er nicht tun müssen. Er wird wie Franziskus keinen Zweifel daran lassen, dass Synodalität „sub et cum petro“ stattfindet, also mit und unter dem Papst. Dass er selbst entscheidet. Aber er lässt mitreden. Er hört zu. Ich würde sagen, er hört anders zu. Leo redet ja nicht so viel. Aber wenn er etwas sagt, dann hat das Substanz. Und ich glaube, das ist jetzt genau das, was wir brauchen. Synodalität erweist sich als probates Mittel, um die Kirche zu gestalten. Ich denke, dass Leo ähnlich wie Franziskus sagt, es geht nicht um eine andere Kirche, sondern um Kirche anders. Das ist möglich. Synodalität bedeutet ja auch, dass es vermutlich künftig mehr territoriale Lösungen geben wird. Das heißt, was hier gilt, gilt vielleicht in Asien oder in Afrika nicht und umgekehrt. 

 

Was erwarten Sie von einer ersten Enzyklika?


Batlogg: Möglicherweise geht es um Künstliche Intelligenz. Da hat Papst Leo ja bereits manchmal Stellung genommen, zum Beispiel den Pfarrern gesagt, macht eure Predigten selber. Die müssen aus der Tiefe kommen. Leo weiß, dass die Kirche vor großen Herausforderungen steht. Die Grundfrage jedes Papstes wird sein, wie die Kirche im 21. Jahrhundert aufgestellt ist. Wir können ja nicht mit Antworten von vorgestern auf Problematiken von heute und morgen oder übermorgen reagieren. Und da wirkt er auf mich sehr fit, sehr wach, sehr sensibel.
 

Andreas R. Batlogg SJ
Andreas R. Batlogg SJ
© Oliver Bodmer
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