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„Der einzig richtige Weg ist ehrliche Aufklärung“

KIRCHE_OÖ

Hubertus Lürbke, Gemeindereferent aus dem Erzbistum Hamburg, verbringt derzeit ein Sabbatmonat in Linz-St. Peter. Im Interview spricht er über die Situation der Kirche in der Minderheit, Missbrauch – und was er an Autobahnkirchen mag. 

Ausgabe: 19/2026
05.05.2026
- Paul Stütz
Treffen zweier Freunde: Franz Zeiger (links) und Hubertus Lürbke auf dem „Petersplatz“ der Pfarrgemeinde in Linz-Spallerhof.
Treffen zweier Freunde: Franz Zeiger (links) und Hubertus Lürbke auf dem „Petersplatz“ der Pfarrgemeinde in Linz-Spallerhof.
© KIZ/PS

Hubertus Lürbke verbindet eine langjährige Freundschaft mit Franz Zeiger, Pfarrkurat in St. Peter. Besonders geprägt hat er die kirchliche Arbeit durch sein Engagement in kirchenpolitischen Fragen.
Sein Besuch in Linz-St. Peter bietet  Gelegenheit für Begegnungen, neue Perspektiven, und ein Gespräch mit der Kirchenzeitung.


Herr Lürbke, Sie sind gerade einen Monat in Franz Zeigers Pfarrgemeinde zu Gast. Das Ganze geschieht im Rahmen Ihrer Auszeit nach jahrzehntelangem Wirken als Gemeindereferent, was in etwa dem Berufsbild des Pastoralassistenten in Österreich entspricht. Was hat Sie ursprünglich bewegt, diesen Beruf zu ergreifen? 
Hubertus Lürbke: Ich bin klassisch in einer katholischen Pfarrei aufgewachsen, stark geprägt durch das Engagement meiner Eltern. Messdienerarbeit und Gruppenleitung waren selbstverständlich, und früh wurde mir auch ein kirchlicher Berufsweg – bis hin zum Priestertum – nahegelegt. Ich habe mich dann aber letztlich gegen den Priesterberuf entschieden. Heute bin ich gerne in meinem Beruf und würde ihn grundsätzlich auch weiterempfehlen, allerdings nicht ohne Einschränkungen. Ich sehe die Entwicklung der kirchlichen Berufswege kritisch und würde sagen, dass eine gewisse Reife und Lebenserfahrung wichtig sind, bevor man diesen Weg einschlägt.

 

Die katholische Kirche in Norddeutschland, wo Sie als Seelsorger wirken, ist in einer deutlichen Minderheitsposition. Wie sehr hadern Sie damit?      
Lürbke: Hadern ist für mich nicht das richtige Wort. Für mich persönlich als Seelsorger bleibt am wichtigsten, für die Menschen da zu sein, die sich an mich wenden, nicht auf Zahlen zu schauen. Aber leider hat die Kirche vielfach nicht verstanden, warum Menschen austreten oder sich entfernen, und hat versucht, mit dem moralischen Zeigefinger gegenzuhalten, anstatt ihr Angebot und ihre Existenz selbstkritisch zu hinterfragen. Missbrauchsskandale haben die Missstände außerdem schmerzhaft offengelegt. Ich kann Menschen verstehen, die sagen: Ich weiß nicht mehr, warum ich da noch dazugehören soll. 


Spielt es für die Motivation zum kirchlichen Engagement eine Rolle, ob Katholiken in einer Region wie Norddeutschland eine Minderheit sind oder in einer traditionell katholisch geprägten Gegend leben?
Lürbke: Ich habe vor etwa 30 Jahren im ländlichen Raum bei Bonn erlebt, dass sich Menschen von ihrer Mitgliedschaft zum Beispiel im Pfarrgemeinderat teilweise auch berufliche Vorteile erhofft haben – ihr Engagement war also nicht primär glaubensmotiviert. In Norddeutschland habe ich dagegen eine andere Erfahrung gemacht: Dort bringt kirchliches Engagement im beruflichen Umfeld eher Nachteile oder zumindest kritische Nachfragen mit sich. Wer sich dort engagiert, tut das daher tendenziell stärker aus Glaubensüberzeugung. 

 

Auch wenn die katholische Kirche insgesamt schrumpft, gewinnen sehr konservative Glaubensströmungen gerade bei manchen Jugendlichen an Beliebtheit. Wie bewerten Sie diese Entwicklung – auch im Hinblick auf das Gemeindeleben?
Lürbke: Die Botschaft dieser Gruppierungen ist häufig: Du musst nur der Kirche glauben und Gott lobpreisen, dann ist alles großartig. Diese Gemeinschaft kann in Krisen aber schnell zerbrechen, weil echte Hilfe fehlt. Ich beobachte bei diesen Gruppierungen außerdem ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken und Tendenzen zur Ausgrenzung Andersdenkender. Das widerspricht für mich dem christlichen Verständnis von Offenheit und Verantwortung. Besonders problematisch ist, dass solche Strukturen teilweise auch kirchlich finanziell unterstützt werden. Manche Bischöfe sehen nur sehr einseitig, dass sie mit diesen jungen Leuten endlich mal jemanden in der Kirche haben, der sie nur positiv sieht. Wenn sie solche jungen Leute jedoch plötzlich im normalen Gemeindeleben haben und diese ihnen dann alles auseinandernehmen und tatsächlich Ausgrenzung passiert, dann ist das ein enormes Problem. 

 

Sie haben vorhin das Thema Missbrauch in der Kirche angesprochen. Zum Thema Machtmissbrauch haben Sie ein Buch veröffentlicht. Wie einschneidend war es für Sie, als das Thema vor gut 15 Jahren so richtig in der Öffentlichkeit aufkam?
Lürbke: Ich hatte vor dem Jahr 2010 nur von einem einzigen Fall sexuellen Missbrauchs gehört. Ich war mir der wahren Dimension früher nicht bewusst. Als die Skandale 2010 bekannt wurden, war ich erschüttert. Die katholische Kirche fördert durch ihre Strukturen Bedingungen, die Missbrauch begünstigen, etwa indem sie reife Entscheidungen zur Weihe oder zum Zölibat erschwert. Ich habe mich immer klar gegen das Verhalten der Kirche gestellt, Missbrauchstäter zu schützen, um die Institution zu schützen. Der einzig richtige Weg kann hier nur ehrliche Aufklärung sein.

 

In Ihrer Pfarrei gibt es bereits ein Schutzkonzept zur Prävention von Missbrauch. Was steckt dabei genau dahinter?
Lürbke: Mitarbeitende sollen sensibel dafür werden, riskante Strukturen und mögliche Anzeichen von Missbrauch zu erkennen. Dazu gehört auch, Veränderungen im Verhalten von Betroffenen wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren, ohne sie direkt zu konfrontieren. Gleichzeitig sollen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass typische Missbrauchssituationen gar nicht erst entstehen. Zentral ist beim Schutzkonzept die Fähigkeit, problematische Situationen frühzeitig zu erkennen und zu handeln. Wichtig sind klare Anlaufstellen, da in der Vergangenheit Hinweise auf Missstände oft ignoriert wurden. Das führte dazu, dass Betroffene sich alleingelassen fühlten, Hinweisgebende nicht wirksam einschreiten konnten und Missbrauch weiter passierte. 

 

Neben Ihrem Engagement für eine schonungslose Aufklärung von Missbrauch hat ein ganz anderes Anliegen von Ihnen für öffentliches Interesse gesorgt, als Sie vor knapp einem Jahr eine Autobahnkirche ins Leben gerufen haben. Wie ist es dazu gekommen?
Lürbke: Die Idee dazu kam, als ich einen Termin in Oldenburg hatte. Als ich von der Autobahn abgefahren bin, sah ich den großen Kirchturm der Gemeindekirche Sankt Vicelin und fragte mich, warum es hier nicht eine Autobahnkirche gibt. Im Mittelpunkt steht ein niedrigschwelliges Angebot für Reisende: Die Kirche ist tagsüber geöffnet und bietet einen ruhigen Rückzugsort für kurze Pausen, Gebet oder Besinnung. Besucher können Kerzen anzünden oder Anliegen hinterlassen, ohne dass feste Programme oder Betreuung notwendig sind.  

 

Gab es Widerstand gegen das Projekt?
Lürbke: Die Pfarrgemeinde reagierte überwiegend offen. Anfangs gab es vereinzelt Skepsis, die sich jedoch schnell auflösen ließ, da das neue Angebot das bestehende Gemeindeleben nicht verändert, sondern lediglich ergänzt. Erfahrungen anderer Autobahnkirchen zeigten zudem, dass der zusätzliche Aufwand überschaubar bleibt. 

 

Was macht für Sie persönlich den Reiz einer Autobahnkirche aus?
Lürbke: Es ist eine Form einer lebendigen Kirche, in der auch etwas geschieht, wenn kein Sonntagsgottesdienst ist. Ich nutze selbst auf Reisen gerne solche Orte der Ruhe, wo ich in mir Gelassenheit spüre und zumindest für den Moment die Sorgen des Alltags vergesse.    

 

 

Zur Person

 

Hubertus Lürbke (Jahrgang 1961) ist seit mehr als drei Jahrzehnten als Gemeindereferent im Erzbistum Hamburg tätig und gehört zum Pastoralteam der Pfarrei St. Vicelin in Eutin. 

 

Besonders geprägt hat er die kirchliche Arbeit durch sein langjähriges Engagement in kirchenpolitischen Fragen sowie in der Mitarbeitervertretung. Auch über die Diözese hinaus ist Lürbke aktiv: Viele Jahre stand er dem Bundesverband der Gemeindereferent:innen Deutschlands vor. Er bringt seine Erfahrungen in den Reformprozess der katholischen Kirche im Rahmen des synodalen Wegs ein. 

 

Zu seinen jüngeren Projekten zählt die Mitwirkung an der Eröffnung der ersten katholischen Autobahnkirche Schleswig-Holsteins in Oldenburg im Jahr 2025. Auch publizistisch setzt er sich mit zentralen Zukunftsfragen der Kirche auseinander, etwa mit Reformprozessen und dem Thema Machtmissbrauch im pastoralen Dienst.

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