Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Vor drei Monaten, am 24. Jänner, stand Bischof Stanislav Přibyl von der nordböhmischen Diözese Leitmeritz neben Kardinal Christoph Schönborn und dem Salzburger Erzbischof Franz Lackner im Altarraum des Wiener Stephansdoms. Zu dritt weihten sie Josef Grünwidl zum Bischof. Das ist nur eine der zahlreichen Verbindungen zwischen Stanislav Přibyl und seinen österreichischen Bischofskollegen. Als der damals 52-jährige Redemptoristenpater vor zwei Jahren in Litoměřice (Leitmeritz) zum Bischof geweiht wurde, bat er Kardinal Christoph Schönborn um die Festpredigt. Dieser war 1945 auf einem Schloss unweit des Leitmeritzer Bischofssitzes zur Welt gekommen.
Wie Christoph Schönborn kommt auch Stanislav Přibyl aus einem Orden – der eine aus dem Dominikaner-, der andere aus dem Redemptoristenorden. Nebenbei gesagt: Auch der Wiener Stadtpatron, Klemens Maria Hofbauer, war Redemptorist gewesen. Stanislav Přibyl, der am 2. Februar zum neuen Erzbischof von Prag ernannt wurde und als solcher am 25. April in sein Amt eingeführt wird, sieht Kardinal Schönborn schon seit langem als Vorbild. Das erwähnte er unlängst im Podcast „Týden bez filtru“ („Die Woche ohne Filter“). Er möchte wie Schönborn ein hörender Bischof sein, und „ein Mittelfeldspieler“. In diesem Sinne interpretiert er auch das bischöfliche Motto „Friede sei mit euch!“ (Lukas 24,36). Der Gruß des auferstandenen Jesus an die verschrockenen Jünger habe ihn bereits vor seiner Bischofsweihe begleitet, erzählt Přibyl aus seinem geistlichen Leben. Er habe den Friedensgruß als Wahlspruch zur Bischofsweihe vor zwei Jahren ausgesucht und werde ihn auch als Erzbischof von Prag behalten.
Im Sinne des Friedensgrußes kann man auch das „Jahr der Versöhnung“ sehen, das Bischof Stanislav Přibyl in der Diözese Litoměřice für das Jahr 2026 ausgerufen hat. Es soll an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung der Region erinnern und Versöhnung ermöglichen. „Die Vertreibung der Deutschen ist unsere eiternde Wunde“, formulierte der Bischof gegenüber dem Tschechischen Rundfunk. „Es ist Zeit, sie zu öffnen, damit sie heilen kann.“ An zwölf Orten der Diözese, an denen Menschen durch gewaltsame Vertreibung ums Leben kamen, wird im Lauf des Versöhnungsjahres 2026 ein ökumenischer und interreligiöser Friedensgottesdienst gefeiert. „Verschweigen löst keine Probleme“, schreibt Přibyl im Hirtenbrief zum Jahr der Versöhnung. Und setzt hinzu, dass es auch 80 Jahre nach der Vertreibung noch Orte gäbe, „an denen die Versöhnung ganz am Anfang steht.“
Für die katholische Kirche sind die Gebiete, aus denen im Anschluss an die nationalsozialistische Zeit die deutschsprachige Bevölkerung vertrieben wurde, eine besondere Herausforderung, da es so gut wie keine tradierte Kirchenzugehörigkeit gibt. Stanislav Přibyl, der mit Leitmeritz nun zwei Jahre lang eine solche Diözese geleitet hat – und auch weiterhin als Diözesanadministrator dafür zuständig bleibt –, sieht das nicht nur als Problem, sondern als Herausforderung. Obwohl die Diözese relativ klein sei, habe sie anderen, größeren Diözesen einiges voraus. Das sei „Avantgarde“, meinte der Bischof im Programm „Ecclesia Podcast CZ“ zu seinem Amtsantritt in Leitmeritz 2024.
Seine Erfahrung im Krisenmanagement wird der neue Erzbischof in Prag gut brauchen können. Über die Jahre hat sich dort ein gewisser Reformstau angesammelt. Vorvorgänger Kardinal Dominik Duka (Erzbischof von 2010 bis 2022) musste bis zum Alter von 79 Jahren im Amt als Erzbischof ausharren, stand jedoch im Laufe seines Episkopats immer mehr in der Kritik. Seine Unterstützung des polarisierenden Staatspräsidenten Miloš Zeman und sein Hang zu Verschwörungstheorien während der Corona-Pandemie spaltete nicht nur die katholische Minderheit Tschechiens.
Erzbischof Jan Graubner (Erzbischof in Prag von 2022 bis 2026) wiederum war bereits 73 Jahre alt, als er nach 30 Jahren als Erzbischof von Olomouc (Olmütz) noch nach Prag übersiedeln musste. Seine Amtszeit in Prag wurde auch von ihm selbst als Übergangszeit interpretiert, sodass die Erzdiözese keine großen Schritte machte in diesen Jahren.
Dabei fehlte es – wie überall in diesen politisch dynamischen Jahren – auch in Prag nicht an Herausforderungen, die nun auf Erzbischof Stanislav Přibyl zukommen. Als Großkanzler der Theologischen Fakultät der Karlsuniversität erbt er einen seit Jahren virulenten Machtkampf um die Position des Dekans der Fakultät.
Gleichzeitig ist das Konkordat, um das man sich seit Jahrzehnten bemüht hat, damit es die Beziehung zwischen dem Vatikan und der Tschechischen Republik kläre, vor wenigen Wochen vom Verfassungsgerichtshof in Prag gekippt worden. Der Vertrag sollte in 16 Artikeln den rechtlichen Status und die Tätigkeitsfelder der katholischen Kirche in Tschechien regeln. Besonders am Beichtgeheimnis stießen sich die Verfassungsrichter:innen. Das bedeutet einen herben Rückschlag für das Konkordat, das man nach der Billigung durch das Prager Parlament 2024 bereits für geregelt hielt.
Für den musikalisch begabten Prager Erzbischof warten aber auch gute Nachrichten an seinem neuen Bischofssitz: Durch eine für ihn glückliche Fügung wird er es sein, der die neue Orgel im Veitsdom am 15. Juni liturgisch und womöglich auch musikalisch einweihen kann. Die Orgel aus der Werkstatt des deutschen Orgelbauers Gerhard Grenzing in El Papiol bei Barcelona soll die mittelalterliche Kathedrale vervollkommnen. Nicht zuletzt seine musikalische Seite ist es, die Erzbischof Stanislav Přibyl wieder mit Wien verbindet – mit Josef Grünwidl, der mit nur drei Monaten Vorsprung als Erzbischof im Amt ist. Die Musik wird wohl nicht das Einzige bleiben, was die beiden Erzdiözesen in Zukunft verbindet. Die Verbindungen in der Geschichte waren zahlreich, die Herausforderungen im 21. Jahrhundert lassen sich im internationalen Austausch besser bestehen.
Wie man ihn ausspricht und was Sie sonst noch über ihn wissen wollen
Um Sie zu beruhigen: Auch der berühmte tschechische Dissident, Schriftsteller und spätere Staatspräsident Václav Havel konnte das „ř“ nicht korrekt aussprechen. Die meisten Menschen in Tschechien erlernen den einzigartigen Laut aber im Lauf ihres Lebens, es braucht nur etwas Geduld. Falls Sie diese Geduld nicht aufbringen, den Namen aber dennoch verständlich artikulieren wollen, wählen Sie als Ersatz nicht „Pribyl“ oder „Pschribyl“, sondern am besten ein scharf angesetztes „sch“ zwischen „P“ und „i“, also: „Pschibyl“. Das klingt zwar nicht original, aber akzeptabel. Das „y“ sprechen Sie wie „i“.
Vielseitiger Lebenslauf
Stanislav Přibyl (geb. 1971) wuchs in Prag auf, wo er 1990 an einer HTL maturierte. Bereits als Jugendlicher spielte er auf der Orgel. Nach der Matura trat er in den Redemptoristenorden ein und studierte nach dem Noviziat Theologie in Prag. Bis 2008 wirkte er als Seelsorger. Ab 2002 war er nacheinander und nebeneinander Redemptoristenprovinzial, Caritasdirektor in Prag, Generalvikar der Nachbardiözese Leitmeritz. 2014 schloss er das theologische Doktorat in Prag ab. 2016 wurde er Generalsekretär der Tschechischen Bischofskonferenz. Außerdem wirkte er in der Pfarrseelsorge und absolvierte ein Masterstudium in Finanzen und Management in Ústí nad Labem. Er gehörte zum tschechischen Vorbereitungsteam der Weltsynode über Synodalität. 2024 wurde er zum Bischof von Leitmeritz geweiht, Festprediger war Kardinal Christoph Schönborn, der 1945 in der Diözese Leitmeritz geboren worden war.

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
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