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Was glauben Sie eigentlich: Was ist der schönste Titel?

GLAUBENS_GUT

„Spieglein, Spieglein an der Wand – wer hat den schönsten Titel im Land?“ In kaum einem Land ist diese Frage so wichtig wie in Österreich.

Ausgabe: 23/2026
02.06.2026
- Michaela Quast-Neulinger
Zwei junge Damen liegen auf dem Boden und lächeln.
Zwei junge Damen liegen auf dem Boden und lächeln.
© Pham Trung Kien auf Pixabay

Der Herr Hofrat und die Frau Doktor, der Magister und die Ingenieurin. Der deutsche Philosoph Hanno Sauer, dessen Eltern beide promoviert sind, erzählt in „Klasse – die Entstehung von Oben und Unten“ von einem prägenden Satz seines Vaters: „Der Mensch fängt erst beim Doktortitel an“. Für manche Zeitgenossen ist dies tatsächlich der Fall. Vor einiger Zeit war ich Referentin bei einem Meeting von Wirtschaftstreibenden. Beim Essen ignorierten mich meine Tischnachbarn, die später gekommen und nicht bei meinem Referat gewesen waren. Erst als sie das Namensschild mit „Prof. Dr.“ lasen, war ich plötzlich eines Wortes „würdig“.

 

Von Würden und Gnaden


Geistlicher Rat, Vikar, Dechant, Kardinal – auch in der kirchlichen Hierarchie gibt es allerhand Titel und Funktionen. Wie spricht man da alle richtig an? Ich gebe zu, als ich Papst Franziskus die Hand geschüttelt habe, war ich zu perplex für ein „Eure Heiligkeit“, die offizielle Anrede. Es gibt durchaus noch die Ansprache für Kardinäle als „Eminenz“ und Bischöfe als „Exzellenz“. Für Äbte theoretisch auch „Euer Gnaden“. Doch im österreichischen Sprachgebrauch hat sich schlicht „Herr Bischof“ oder „Herr Abt“ durchgesetzt, bei Reden „sehr geehrter Herr Bischof“ usw.

 

Besser herzlich


Eine Begrüßung sollte höflich und freundlich sein – Herzlichkeit vor Unterwürfigkeit. Im Zweifelsfall einmal nachfragen, was die betreffende Person gerne hätte. Im Rangstreit seiner Jünger war Jesus sehr eindeutig: „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“, ermahnt er die streitenden Jünger. Manchmal frage ich mich, ob wir Jesus deshalb so gerne Titel verpassen, um auch uns mit ein paar Titeln erheben zu können. Aber Jesus nennt uns „Freunde“, Paulus spricht die Gemeindemitglieder als „Schwestern und Brüder“ an. Wir hören die Schrift, und auf dem Kirchenplatz sind wir dann Fremde? Vielleicht ist der schönste Titel nicht Doktor, Professorin oder Hochwürden, sondern: Freund.

Michaela Quast-Neulinger,  Ass. Professorin am Institut für Systematische Theologie in Innsbruck
Michaela Quast-Neulinger, Ass. Professorin am Institut für Systematische Theologie in Innsbruck
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