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Jesus, kein Mann wie die anderen

GLAUBENS_GUT

Pünktlich zum Lesejahr B, das dem Markusevangelium gilt, erscheint vom Grazer Bibelwissenschafter Josef Pichler die spirituell dichte Interpretation zur Männlichkeit im ältesten Evangelium. Ein Interview.

Ausgabe: 45/2026
03.11.2026
- Wolfgang Ölz
© Josef Wallner / KIZ

Warum ist Männlichkeit erstaunlicherweise der hermeneutische Schlüssel zum Markusevangelium?  
Josef Pichler: Männlichkeit ist natürlich eine Kategorie, um das gesamte Evangelium zu analysieren. Das Markusevangelium ist kurz nach der Zerstörung Jerusalems geschrieben worden. Rom hat gerade einen blutigen Bürgerkrieg hinter sich. Vespasian geht daraus als neuer, starker Mann hervor.
Seine Machtübernahme wird als frohe Botschaft gefeiert. Das griechische Wort heißt „Euangelion“, also unser Evangelium. Markus beginnt sein Buch mit den Worten „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“. Er setzt damit natürlich einen bewussten Gegenakzent zur kaiserlichen Propaganda. Dann muss klar sein, wenn wir auf diesem Hintergrund das Markusevangelium lesen: Männlichkeit ist kein Privatthema, sondern eine Sprache der Macht. Ein richtiger Mann herrscht, er beherrscht sein Haus, seine Untergebenen und, wie es beim römischen Kaiser aussieht, natürlich auch die Welt.

 

Was verstehen Sie unter „hegemonialer Männlichkeit“ und – im Gegensatz dazu – unter „sorgender Männlichkeit“?  
Pichler: Hegemoniale Männlichkeit ist die Analysekategorie, mit der ich arbeite. Den Begriff hat die australische Soziologin Raewyn Connell geprägt. Gemeint ist jenes Männerbild, das in einer Gesellschaft als vorbildlich gilt und Vorherrschaft sichert. Diese Vorherrschaft läuft über Frauen, aber auch über andere Männer – Männer, die als schwach oder als unmännlich eingeschätzt werden. Kaum jemand erfüllt dieses Ideal zur Gänze, aber alle profitieren davon und viele leiden natürlich auch darunter. „Sorgende Männlichkeit“ beschreibt eine Gegenbewegung, die in der Forschung seit rund zehn Jahren diskutiert wird. Männer, die Fürsorge, Verletzlichkeit und Beziehung in ihr Selbstverständnis aufnehmen und die hegemonialen Herrschaftsformen zurückweisen. Sorgende Männlichkeit meint aber mehr als bloß Betreuung der Kinder. Es geht um eine Haltung, die das Leben der anderen schützt und fördert. Im Markusevangelium gibt es diese beiden Gegenpole: Einerseits die Machtmänner wie der römische Kaiser, Herodes oder Pilatus, andererseits Jesus, der eben einen ganz anderen Weg geht, der sein Leben für andere einsetzt.

 

Was haben Trump, Putin und der römische Kaiser Vespasian gemeinsam?
Pichler: Man könnte sagen nichts, weil die Probleme ganz andere sind, aber doch: Alle drei inszenieren sich als Retter in der Krise. Vespasian kam nach dem Chaos des Vierkaiserjahres 69 n. Chr. an die Macht. Antike Geschichtsschreiber wie Tacitus berichten, er habe in Alexandrien einen Blinden geheilt. Damit demonstriert er göttliche Kunst, Stärke und die Botschaft „nur ich kann das Land retten“. Das ist ein verbindendes Grundmuster, weil Trump sich auf Social Media genauso als Heiler inszeniert.
Bei Putin hätten wir natürlich auch diese Propaganda, zum Beispiel wenn er auf einem Bär reitet. Eine gewisse Härte ist seine Tugend und das Bewusstsein: Es gibt Feinde, vor denen man das Volk schützen muss. Und man muss sich natürlich in Treue zum Anführer verhalten. Die Evangelien erzählen dagegen davon, dass sich Jesus nicht selbst inszeniert, sondern für andere einsetzt, sich uneigennützig um andere sorgt.

 

Welche Männlichkeit verkörpert Jesus insgesamt im Markusevangelium?
Pichler: Jesus wird verletzlicher gezeichnet als in allen anderen drei Evangelien. Markus kennt keine Kindheitsgeschichte mit einem königlichen Stammbaum wie bei Matthäus oder eine Geburtserzählung wie bei Lukas. Das Markusevangelium kennt einen Jesus, der Gefühle zeigt. Er ist zornig, er ist betrübt, er hat Mitleid, er ringt in Getsemani mit der Todesangst. Am Kreuz stirbt er mit einem Schrei der Verlassenheit. Lukas glättet all das. Jesus stirbt bei ihm mit den Worten: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Bei Johannes noch souveräner: „Es ist vollbracht.“ Markus hält die Spannung aus. Dieser Mann, der da am Kreuz stirbt, entspricht in keiner Weise dem antiken Ideal der Selbstbeherrschung und Unerschütterlichkeit. Die Stärke Jesu liegt in seiner Beziehungsfähigkeit, im Dienst, aber auch in seiner Treue zu seinem Weg, bis hinein in die vollständige Ohnmacht.

 

Wie kann die Bibel aus der Perspektive sorgender Männlichkeit neu gelesen werden? Schlüsselstellen dafür sind: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen. Ich bin herabgestiegen, um sie zu retten (Apg 7,34).“ „Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen (Ezechiel 34,11–16).“ Jesus, der sich um Menschen annimmt wie der gute Hirt 
(Psalm 23).

Pichler: Ich finde die Frage sehr interessant, weil die genannten Stellen einen Gott zeigen, der sieht, hört und herabsteigt. Wir haben eine göttliche Bewegung von oben nach unten herab. Das ist das Gegenteil von Macht, die nach oben drängt. Besonders interessant finde ich Ezechiel 34. Dort klagt Gott die Hirten Israels an, die sich selbst weiden und die Herde verkommen lassen. Er kündigt an, seine Schafe selbst zu suchen und jene zu verbinden, die verwundet sind, und sie zu stärken. Das ist natürlich handfeste Herrschaftskritik. Markus greift dieses Bild auf. In der Speiserzählung heißt es, Jesus hatte Mitleid mit den Menschen. Denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Unmittelbar davor erzählt Markus das Festmahl des Herodes, bei dem Johannes der Täufer ermordet wird. Wir haben also zwei Szenen hintereinander, bei der einen fließt Blut, bei der anderen werden andere gesättigt. Das ist ein sehr schönes Bild, das Markus zeichnet, und es ist diametral entgegenstehend zum Mord beim Festmahl. Das wäre ein Thema, das man durch die gesamte Bibel verfolgen könnte.

 

Wie führt Jesus am Kreuz die kursierenden Männlichkeitskonzepte ad absurdum? 
Pichler: Man muss wissen, die Kreuzigung war die schlimmste aller Todesstrafen. Sie war bewusst inszeniert als Entmännlichung. Der Gekreuzigte wurde entblößt, wehrlos zur Schau gestellt, verspottet. Er konnte seinen Körper nicht mehr schützen. Für einen antiken Mann bedeutete das den Verlust seiner Ehre. Die Soldaten setzen Jesus eine Dornenkrone auf. Sie huldigen ihm zum Spott, die Vorübergehenden lästern, die Mitgekreuzigten spotten. Und dann geschieht das Unerhörte. Der römische Hauptmann, ein Vertreter der Militärmacht, bekennt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war ein Sohn Gottes.“ Der römische Hauptmann erledigt praktisch die imperiale Politik Roms, weil er gerade in diesem Leiden Jesus als den Sohn Gottes sieht und eben nicht den römischen Kaiser.

 

Was haben Sie von der feministischen Exegese gelernt? 
Pichler: Ich habe sehr viel von der feministischen Exegese gelernt, die gezeigt hat, dass die biblischen Texte von Geschlechterverhältnissen geprägt sind und wie man die biblischen Texte gegen den Strich liest. Andrea Taschl-Erber von der Katholischen Privat-Universität in Linz ist beispielsweise eine solche Repräsentantin der feministischen Exegese. Die Männerforschung ist eine Schwester dieser Arbeit. Wenn Geschlecht gesellschaftlich geformt ist, gilt das natürlich auch für Männlichkeit. Männer sind nicht einfach der Mensch an sich. Sie haben ein Geschlecht, nach dem man fragen kann, und diese Einsicht verdankt sich den feministischen Kolleginnen.

 

Sie haben herausgearbeitet, dass Frauen im Markusevangelium über weite Strecken viel näher an der Botschaft Jesu sind als die Jünger. Sind diese Beobachtungen auch exegetische Argumente für das Frauenpriestertum? 
Pichler: Es liegt ein biblischer Text vor und keine kirchenrechtliche Stellungnahme. Markus gestaltet erzählerisch, 
was Paulus im Galaterbrief (3,28) programmatisch formuliert. Für Markus sind „nachfolgen“ und „dienen“ Kennzeichen der Jüngerschaft, und zwar auch für Frauen. So ist es eine besondere Auszeichnung für die Schwiegermutter des Petrus, die nach der Heilung durch Jesus sofort aufsteht und ihnen dient 
(vgl. Lk 4,39b) – die sprachliche Nähe zu 
Jesus, der nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen (vgl. Mk 10,45), ist evident. Darüber hinaus werden die Frauen zu Zeuginnen von Tod, Begräbnis und Auferstehung Jesu. Ohne sie gäbe es keine Osterbotschaft. Der Ausschluss von Leitungsfunktionen mit dem Hinweis auf das Geschlecht steht daher biblisch auf schwachen Füßen. Die neutestamentlichen Texte eröffnen mehr Spielraum, als wir uns manchmal vorstellen.

 

Wie kommen Sie zu dem versöhnlichen Schluss, dass es nicht um das Geschlecht, sondern um das Tun des Willen Gottes geht?
Pichler: Wenn man sich die Story des Markusevangeliums anschaut, dann ist ja im ersten Teil der Fokus vollkommen auf die männlichen Jünger gelegt. Und diese männlichen Jünger versagen in der Jesus-Nachfolge dauernd. Die Frauen erkennen manche Dinge, die die Jesus-Nachfolge verlangt, viel früher als die männlichen Jünger. Aber jetzt ist es so, dass auch die Frauen letztlich in der Jesus-Nachfolge scheitern. Am Schluss des Evangeliums erhalten sie zwar die Botschaft von der Auferstehung Jesu, aber sie fürchteten sich so sehr, dass sie niemandem etwas davon erzählen. Das bedeutet für das Evangelium: Aus eigener Kraft heraus schaffen es weder die Männer noch die Frauen. Es besteht niemand. Jesus selbst liefert den Schlüssel: Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter. Also, die neue Familie Jesu entsteht durch das Tun. Der Bote am Grab schickt die Frauen zu den Jüngern und zu Petrus, also ausgerechnet zu demjenigen, der ihn verleugnet hat.Die Geschichte bleibt für Männer und Frauen offen. Deswegen ende ich mit dem Gedanken, dass das Evangelium vom neuen Mann zum neuen Menschen führt.

 

Josef Pichler, Professor am Institut für Neutestamentliche Bibelwissenschaft der Universität Graz. Studium in St. Pölten und Benediktbeuern. 1996 Promotion. Habilitation 2003. Forschungsschwerpunkte: Passionserzählungen, Lukas, Paulusrezeption, Bibeldidaktik, Exegese und Männerforschung


Josef Pichler, Jesus – kein Mann wie die anderen – Männlichkeit im Markus- evangelium, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2026, 96 S., € 12,40

 

 

 

 

Zum Foto: Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus (Chora-Kirche in Istanbul). Es ist eine besondere Auszeichnung für die Schwiegermutter des Petrus, dass sie nach ihrer Heilung sofort aufsteht und – in sprachlicher Nachbarschaft zum zentralen Wirken Jesu – dient.  

Josef Pichler
Josef Pichler
© Sonntagsblatt/Gerd Neuhold
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