Sr. Petra Auzinger gehört dem Orden der Kreuzschwestern an. Sie wirkt als Seelsorgerin am Klinikum Wels-Grieskirchen.
„Ich habe mir angewöhnt, das Wort ‚Gerechtigkeit‘ immer nur in Anführungszeichen auszusprechen“, sagte einmal der frühere deutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard. Er habe erfahren, dass mit keinem Wort mehr Missbrauch getrieben werde „als mit diesem höchsten Wert“. Er sprach damit zwei Dinge an.
Erstens: Gerechtigkeit ist ein grundlegender Wert. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen immer danach streben, gerecht zu handeln. Aber kein Mensch akzeptiert, ungerecht behandelt zu werden. Ungerechtigkeiten sind daher fast zwangsläufig Konfliktquellen. Umgekehrt gibt es Frieden nur dort, wo alle sich gerecht behandelt erfahren.
Zweitens: Erhard spricht vom Missbrauch, der mit dem Wort Gerechtigkeit getrieben wird. Ob er dabei mutwilligen Missbrauch meinte, weiß ich nicht. Vielleicht liegt das Problem darin, dass Gerechtigkeit so viele unterschiedliche Bedeutungen hat und dass viele Menschen davon ausgehen, dass das, was sie als gerecht empfinden, auch von allen anderen geteilt wird. Dazu einige Beispiele.
Was ist gerechter: Wenn von einem Laib Brot alle ein gleich großes Stück bekommen? Das wäre Verteilungsgerechtigkeit. Oder wenn alle gerade so viel davon bekommen, wie sie brauchen – also ein Kind vielleicht nur ein kleines Stück und ein Schwerarbeiter dafür umso mehr? Das wäre Bedarfsgerechtigkeit. Manche ökonomischen Lehrbücher meinen mit Gerechtigkeit einen Zustand, in dem „alle die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse zu befriedigen“. Aber auch das kann schwierig werden – erstens können menschliche Bedürfnisse unbegrenzt sein, zweitens sind sie in ihrer Bedeutung sehr unterschiedlich. Liegen Grundbedürfnisse – wie genug zu essen, menschenwürdige Kleidung und Wohnung, aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben oder regelmäßige Ruhezeiten – etwa auf derselben Ebene wie das individuelle Bedürfnis nach einer Urlaubsreise, nach guter Unterhaltung oder nach einem bestimmten Traumjob? Es bräuchte also eine (gerechte) Rangordnung der Bedürfnisse. Die bekannteste Ordnung stammt von Abraham Maslow. Individuelle Bedürfnisse kommen bei ihm freilich erst an vorletzter Stelle.
Oder: Was bedeutet eigentlich Leistungsgerechtigkeit?! Manche sagen: „Leistung muss sich lohnen!“ und: „Allen nach ihrer Leistung!“ Nur: Woran bemisst sich Leistung? Das Lukas-Evangelium erzählt, wie Jesus am Eingang des Tempels saß und Folgendes beobachtete: Viele Reiche kamen und legten etwas von ihrem Reichtum in den Opferkasten. Es kam auch eine arme Frau und warf zwei kleine Münzen hinein. Es war alles, was sie besaß. – Für Jesus ist klar, wer hier Leistungsträger ist: nicht die Reichen, die zwar nominell viel mehr als zwei kleine Münzen gaben, aber doch nur etwas von ihrem Überfluss. Nein, die wahre Leistungsträgerin ist die arme Frau, die alles gab: so viel sie eben vermochte. Man könnte also sagen, starke Schultern können schwerere Lasten tragen und schwache eben nur geringere. Solange alle tun, was sie können, leisten sie gleich viel.

Sr. Petra Auzinger gehört dem Orden der Kreuzschwestern an. Sie wirkt als Seelsorgerin am Klinikum Wels-Grieskirchen.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>