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„Komm, gib dem Opa ein Bussi und bedank dich für das Geschenk!“ Was aber, wenn das Kind das gar nicht möchte? Kinder sind unterschiedlich, und auch ihre Bedürfnisse nach Nähe ändern sich je nach Situation. Eine Umarmung, die gestern noch willkommen war, kann heute unangenehm sein. „Wir wollen, dass Kinder Nein sagen können. Aber wo sind die Erwachsenen, die dieses Nein auch akzeptieren?“, fragt Magdalena Zidi. Im Rahmen der Bildungs-messe „Interpädagogica“ in Linz hält sie am 12. November einen Fachvortrag über kindliche sexuelle Entwicklung und Prävention.
Kinder, die in einem gesunden Umfeld aufwachsen, haben grundsätzlich ein gutes Gespür für ihren Körper. Doch das werde ihnen mitunter abtrainiert, erklärt die Expertin. Sätze wie „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Stell dich nicht so an“ vermitteln ihnen, dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht vertrauen sollen. Prävention beginnt deshalb im Alltag, beim Ernstnehmen von Gefühlen und Bedürfnissen.
Kleine Kinder zeigen ihre Ablehnung häufig ohne Worte, indem sie sich wegdrehen oder den Kopf schütteln. Wichtig sei, diese Signale ernst zu nehmen, betont Zidi. Wer kein Bussi geben möchte, kann sich auch mit Abklatschen oder Winken bedanken. Und wenn die Oma enttäuscht ist? „Kinder sollten nicht das Gefühl bekommen, ihre eigenen Grenzen überschreiten zu müssen, um andere glücklich zu machen. Solche Schuldgefühle können von Tätern ausgenutzt werden.“
Dass jeder Mensch ein Recht auf Privatsphäre hat, können Eltern ihren Kindern auch vorleben. „Wenn Mama oder Papa die Toilettentür schließen und erklären, dass sie jetzt ihre Ruhe haben möchten, vermitteln sie das ganz nebenbei“, sagt die Expertin.
„Sexuelle Entwicklung passiert nicht erst ab der Pubertät“, betont Zidi. Sie gehöre ebenso selbstverständlich dazu wie andere körperliche, emotionale und soziale Veränderungen. Allerdings unterscheidet sich kindliche Sexualität grundlegend von jener Erwachsener. Kleine Kinder leben im Hier und Jetzt, entdecken neugierig ihren Körper. Wichtig sei, gelassen und ohne Beschämung zu reagieren und zugleich klare Regeln zu vermitteln, wann und wo dies passend ist.
Zidi plädiert dafür, von Anfang an die anatomisch richtigen Begriffe für die Genitalien zu verwenden. Es brauche „Begriffe, die universell verständlich sind“. So wissen auch andere Erwachsene, wovon ein Kind spricht, und Missverständnisse werden vermieden. Denn Kinder, die wissen, wie ihr Körper funktioniert, und Worte für ihre Erfahrungen haben, können leichter erzählen, wenn ihnen etwas unangenehm ist oder sie etwas verunsichert. „Täter nutzen mitunter gezielt aus, wenn Kindern das Wissen oder die Worte fehlen, um über das Erlebte zu sprechen“, sagt die Sexualpädagogin.
Für die sexuelle Bildung braucht es auch nicht das eine große Aufklärungsgespräch. Kinder stellen ihre Fragen von selbst, oft ganz nebenbei. Magdalena Zidi rät, die Gelegenheiten aufzugreifen sowie ruhig und altersgerecht zu antworten. Ihr Buch „Was kribbelt da so schön?“ kann dabei helfen. Es enthält 80 Antworten auf Kinderfragen rund ums Thema Sexualität. Die Expertin möchte Eltern jedenfalls ermutigen, früh mit der sogenannten Aufklärung zu beginnen. Denn das sei die beste Prävention vor Missbrauch. In 70 bis 90 Prozent der Fälle wird sexueller Missbrauch von Menschen aus dem familiären oder vertrauten Umfeld verübt. „Das sind oft Personen, die die Kinder mögen und denen sie vertrauen – aus der Familie, der Nachbarschaft oder aus Vereinen“, erklärt Zidi. Kinder nur vor Fremden zu warnen, greife deshalb zu kurz. Wichtiger ist, ihnen zu vermitteln, dass ihre persönlichen Grenzen immer gelten, unabhängig davon, wer ihnen gegenübersteht. Und wenn sich etwas nicht richtig anfühlt, sollen sie darüber sprechen können, selbst wenn jemand anderes behauptet, das sei ganz normal oder müsse geheim bleiben.
Sich selbst hinterfragen: Wie habe ich Sexualität in meiner Kindheit erlebt? Was möchte ich weitergeben, was bewusst anders machen?
Wissen aneignen: Sich mit der Entwicklung von Kindern beschäftigen und eine selbstverständliche Sprache für den Körper finden.
Grenzen respektieren: Auch ein Nein ohne Worte ernst nehmen und Kinder nicht zu Umarmungen oder Küssen drängen.
Vorbild sein: Die eigenen Grenzen und die Privatsphäre des Kindes achten. Kinder brauchen keine perfekten, sondern authentische Eltern.
Im Gespräch bleiben: Fragen altersgerecht und ehrlich beantworten. Sexualität soll kein Tabuthema sein. Denn sexuelle Bildung ist Gewaltprävention.
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