REZEPT_
Zu Allerheiligen und Allerseelen kommen viele Menschen an die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen. Oft trifft man so auch Menschen, die erst vor Kurzem jemanden durch den Tod verloren haben. Die meisten sind unsicher, wie sie Trauernden begegnen können.
Viele Trauernde berichten, dass eine der schlimmsten Erfahrungen ist, wenn Bekannte die Straßenseite wechseln, um eine direkte Begegnung zu vermeiden.
In ihrem Buch „50 Fragen an die Trauer“ empfehlen Autor und Autorin, Trauernden mit „Menschenkompetenz“ zu begegnen: „wohlwollend, einfühlsam, achtsam und mit echtem Interesse“. Oft fehlen die Worte, aber Kommunikation ist weit mehr als das: eine Hand halten, eine Umarmung, den Blick zuwenden. Ein kleines Lächeln kann Hoffnung spenden. Und auch eigene Tränen vermitteln Verbundenheit.
Auch wie etwas gesagt wird, vermittelt viel mehr als die Worte selbst. Auch wenn jemand eine Pause einlegt, weil ihm oder ihr die Worte fehlen, kann Nähe entstehen.
Wenn die Grundhaltung stimme, könne man kaum etwas Falsches sagen, meinen Sylvia Brathuhn und Rainer Simader in ihrem Buch. Voraussetzung ist echtes Interesse, dass man Trauernden zugewandt ist und ihnen Raum und Zeit gibt. Wenn man nicht weiß, was man sagen soll, dann kann man genau das äußern.
Trauernden zu begegnen, kann eine Stresssituation auslösen. Viele machen sich Gedanken, etwas Falsches zu sagen, den Schmerz zu verstärken oder selbst weinen zu müssen. Eine „Flucht-Reaktion“ aus diesem Stress ist bei manchen Menschen, dass sie Floskeln verwenden, statt zugewandte Worte zu finden. „Alles wird gut“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“, „Für sie/ihn war es besser so“.
Es ist auch nicht unbedingt hilfreich, anzubieten, dass sich Trauernde melden sollen, wenn sie etwas brauchen. Das setzt voraus, dass sie die Kraft dafür haben. Hilfreicher ist es, sich zu melden und z. B. am Telefon ein Gespräch anzubieten. Oder vor einem Einkauf zu fragen, ob man der oder dem Trauernden etwas mitnehmen soll.
Statt „Wie geht es dir?“, was Trauernde kaum beantworten können, könnte man fragen: „Wie geht es dir heute?“ Die Bedürfnisse von Trauernden ändern sich. „Was heute hilfreich ist, kann morgen zu viel sein“, schreiben Brathuhn und Simader in ihrem Buch. Wenn man vertraut mit jemandem ist, der trauert, kann man auch fragen, ob sie oder ihn interessiert, was sich im Eigenen gerade ereignet. Auch Banalitäten wie der Besuch am Fußballplatz oder Neuigkeiten vom Stammtisch oder von der Kaffeerunde. Trauer bedeutet nichts anderes, als mit den Erfahrungen aus einem Verlust einen neuen, guten Platz im Leben zu finden. Deshalb gehören Erlebnisse im Leben von anderen dazu.
„Trauer ist keine Schwäche oder Krankheit, sondern Ausdruck von Liebe und Verbundenheit“, sagt etwa Nicole Leitenmüller, Referentin für Trauerpastoral in der Diözese Linz. Wer wie trauert, lässt sich nicht vorhersagen und beeinflussen. Auch nicht, wie lange jemand trauert, weil das Gefühl des Verlustes Betroffene in Wellen überwältigt. Menschen, die jemanden in dieser schweren Lebensphase begleiten, gehen am besten mit, hören zu und halten den Schmerz aus, ohne ihn verdrängen oder kleinreden zu wollen. „Kein Mensch soll mit seiner Trauer allein bleiben“, lautet daher auch der Anspruch der Trauerpastoral.
Buchtipp: Sylvia Brathuhn, Rainer Simader: 50 Fragen an die Trauer. Gesehen. Gehört. Gehalten, Kneipp Verlag.
REZEPT_

Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>