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So ein Glück – die Zehe ist geprellt und nicht gebrochen. „Dann kann ich ja weiter Topfen auflegen“, meint die Patientin. „Das ist genau das Richtige, was Sie machen können“, erwidert der Arzt in der Unfallambulanz. Eine Szene, die im Krankenhaus in Wirklichkeit nicht so passiert? Doch! Was lange als Volkskunde oder Aberglaube abgetan wurde, wird heute wiederentdeckt.
Es muss nicht heißen: Schulmedizin oder Naturmedizin; der beste Weg liegt wie so oft in der Mitte oder in der Kombination aus beidem. Johanna Mülleder ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie hat eine zweijährige Ausbildung für komplementäre Pflege in Innsbruck absolviert und gibt ihr Wissen vor allem an Eltern mit kleinen Kindern weiter. Aber auch auf der Palliativstation im Krankenhaus hat sie gute Erfahrungen, z. B. mit Wickeln, gemacht. Was bedeutet also komplementäre Pflege?
„Es geht dabei um Dinge, die man aus ‚Großmutters Zeiten‘ kennt. Um Wickel, Kompressen, darum, was kann man aus der Natur an Heilpflanzen anwenden kann“, sprudelt es aus Johanna Mülleder. „Das sind viele Dinge, die lang erprobt sind und die viele Menschen auch kennen, aber eher unter dem Namen ‚Hausmittel‘.“
„Komplementär“ bedeutet „ergänzend“, und so möchte sie diese Art der Pflege auch sehen.
Dass oft die „eine“ Medizin die andere ausschließen soll, bedauert die Gesundheits- und Krankenpflegerin. Auch die Wirkung von Pflanzen etwa wird wissenschaftlich erforscht, und viele Medikamente in der sogenannten Schulmedizin enthalten pflanzliche Wirkstoffe – oft von für Menschen an sich giftigen Pflanzen. Deshalb warnt Johanna Mülleder auch vor der Einstellung „Hilft’s nicht, so schadet’s nicht“ und der Annahme, man könne mit Pflanzen nichts anstellen. „Die Inhaltsstoffe von Pflanzen können hochwirksam sein“, warnt sie. So sei auch vielen nicht bewusst, dass man bei der Anwendung von ätherischen Ölen Vorsicht walten lassen muss. „Ein Tropfen ätherisches Öl entspricht bis zu 60 Esslöffeln getrocknetem Kraut“, gibt Mülleder zu bedenken. So wirke etwa Lavendel beruhigend, bei Überdosierung aber genau gegenteilig. Für ein Vollbad würde ein halber Tropfen Lavendelöl reichen.
In ihren Workshops geht es zum Beispiel um die Frage, wie man einen Tee richtig zubereitet. So gibt es Pflanzen, bei denen man die Schleimstoffe nutzen möchte, die sie enthalten – wie etwa Käsepappel bei trockenem, gerötetem Hals. Diese Schleimstoffe können wirken „wie eine Salbe auf einer Wunde“. Dann ist es aber wichtig zu wissen, dass man Pflanzen mit Schleimstoffen einige Stunden kalt ansetzen muss, da Hitze die wertvollen Schleimstoffe zerstören würde.
Insgesamt wünscht sich Johanna Mülleder mehr Austausch zwischen „Schulmedizin“ und „Komplementärmedizin“, auch wenn es diesen inzwischen vermehrt gibt. Patient:innen sind oft sehr dankbar, wenn sie erfahren, welche „Hausmittel“ sie begleitend zu ihren medizinischen Therapien anwenden können. „Die Gefahr ist nämlic: Wenn sie merken, dass die behandelnde Ärztin oder der Arzt von solchen Dingen nichts hält, dann trauen sie sich nicht zu sagen und machen es trotzdem“, so die Erfahrung von Johanna Mülleder. Und dann kann passieren, dass das Hausmittel womöglich ungünstig auf die Behandlung durch die Mediziner:innen wirkt.
„Die Verbindung dieser beiden Stränge könnte den besten Erfolg für eine Heilung bringen“, ist die Pflegerin überzeugt. Ein Vorteil von komplementären Mitteln ist, dass viele Menschen leichteren Zugang dazu finden. Eine geschnittene Zwiebel zur Behandlung kleiner Wunden oder Insektenstiche traut sich jemand schnell anzuwenden. „Und wenn man mehr braucht zur Versorgung des gesundheitlichen Problems, dann sind wir in Österreich wirklich gut versorgt“, sagt Johanna Mülleder.
Gerade diese leicht erreichbare medizinische Versorgung kann der Grund sein, warum das Wissen um viele „Hausmittel“ verschwunden ist. Früher musste man Krankheiten und Verletzungen selbst versorgen, weil die Wege zum Arzt weit waren und jeder Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt selbst bezahlt werden musste.
Optimal wäre eine hilfreiche Beratung für alle Eltern, wie sie etwa mit Fieber bei Kindern umgehen können. Johanna Mülleder würde sich das schon als Inhalt in den Schulen wünschen. Sie plädiert dafür, die Anwendung auf jeden Fall von gut ausgebildeten und erfahrenen Personen zu lernen.
Ursel Bühring, Alles über Heilpflanzen. Erkennen, anwenden und gesund bleiben, Ulmer Verlag.
Um sicher zu sein, am besten von geschulten, erfahrenen Menschen lernen, z. B. Workshops besuchen.
Vorsicht bei Ratschlägen aus dem Internet. Zumindest hinterfragen, wer etwas verbreitet. Oft stecken geschäftliche Interessen dahinter.
Zur Gesundheitspflege gehört auch ein guter Schlaf; Händewaschen, sobald man nach Hause kommt (Eltern sind Vorbilder!); Kranke sollten zu Hause bleiben für – sich und um andere nicht anzustecken.
Ein konkreter Tipp für Mütter von sehr kleinen Kindern: Muttermilch ist das beste Mittel – auch bei verstopften Nasen oder kleinen Wunden oder wundem Po des Babys. Sie ist das reinste Lebensmittel, das es gibt.
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