Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Sprache spricht. Gerade alte Redewendungen vermögen uns den existenziellen Sinn von Phänomenen und Sachverhalten zu erschließen. „Guter Hoffnung zu sein“, eine Formulierung, die einst den Zustand der Schwangerschaft umschrieb, bringt den Zusammenhang von Schwangerschaft bzw. Geburt und Hoffnung gleich mehrfach zum Ausdruck. Einerseits stellt die Schwangerschaft eine Hoffnung für die werdende Mutter in Aussicht, da über das heranwachsende Kind ihrer Geschichte und ihrer Existenz eine Zukunft verheißen ist (Hoffnung aber auch für den werdenden Vater, wie die Geschichte von Josef in Matthäus 1,18–24 zeigt). Andererseits braucht es für das Schwangergehen und diesen hoffnungsvollen Ausblick auf die Geburt auch ein Grundvertrauen in die Welt und in die Möglichkeit einer guten Zukunft für das Kind.
Die Bibel wusste um das Trost- und Hoffnungspotenzial, das in der Geburt eines Kindes liegt. Die Verheißung des Propheten Jesaja, die am vierten Adventsonntag vorgelesen wird, deutet deshalb die Geburt des Sohnes aus der Jungfrau (bzw. jungen Frau) mit dem sprechenden Namen „Immanuel“ (Gott mit uns). Der Name deutet diese Geburt als Zeichen der Gnade, der Begleitung und des Mitgehens Gottes (Jesaja 7,10–14). Mit Verweis auf die christliche Tradition schreibt deshalb die jüdische Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt in „Vita Activa“: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien ‚die frohe Botschaft‘ verkünden: ‚Uns ist ein Kind geboren.‘“
Paulus unterscheidet im Römerbrief die Geburt Jesu „dem Fleisch nach“ von der Einsetzung Jesu „dem Geist der Heiligkeit nach“ (Römer 1,1–7). Dementsprechend spricht die Kirche noch in einem zweiten Sinn von Geburt, nämlich in Bezug auf die Taufe. Wer schon einmal in Italien – z. B. in Rom, Ravenna, Neapel oder Verona – war, kennt die großen antiken Taufbecken in den Baptisterien, in denen die Katechumenen als Ganzes eintauchten. Die Kirchenväter verbanden diese Taufbecken und das Taufwasser einerseits mit der Symbolik des Grabes und deuteten insofern das Taufgeschehen mit Paulus als ein Sterben mit Christus (Römer 6,1–11). Andererseits deuteten sie die Taufbecken vom Gespräch Jesu mit Nikodemus im Johannesevangelium her als Mutterschoß, aus dem die Täuflinge neu geboren wurden (Johannes 3,1–13).
Diese zweite, symbolische Geburt, ist nicht im Sinne einer Abwertung der ersten, „natürlichen“ Geburt und damit zugleich der Frau zu verstehen. Denn es ist klar, dass diese „zweite Geburt“ gerade nicht ohne die erste gedacht werden kann. Aber vielleicht gilt es hier noch radikaler anzusetzen. Von der Geburt her zu denken bedeutet, mit neuem Staunen auf dieses Wunder der Geburt zu blicken; die Geburt selbst bereits als ein spirituelles Geschehen bzw. Ereignis des Geistes und der Freiheit wahrzunehmen und die Kreativität der Anfänge neu zu entdecken. Kein Auseinander von Schöpfung und Gnade also, sondern die Neuentdeckung der Gnadenhaftigkeit der Geburt selbst.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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