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Seide auf unserer Haut

Glaube

Was weiß die Raupe schon vom Schmetterling?

Ausgabe: 2018/22
30.05.2018
- Matthäus Fellinger

Wie angenehm sie sich anfühlt, so luftig und leicht. Seide auf unserer Haut. Einen langen und gefahrvollen Weg hat sie hinter sich, ehe sie als kostbares Gewebe den Weg in den Kleiderschrank fand. Ein Weg voller Wendungen und Wandlungen.

 

Von der Raupe zum Schmetterling

Das Kribbeln und Krabbeln der Seidenraupe würden die meisten Menschen wohl nicht so gerne auf ihrer Haut zu spüren bekommen, es möglicherweise sogar als ekelig empfinden.
Teresa von Avila, die große Mystikerin des 16. Jahrhunderts, hat im „Wunderwerke bei der Erzeugung von Seide“ ein Bild für den Glauben gesehen. Sie beschreibt, wie sich die Raupe aus dem pfefferkorngroßen „Samen“ entwickelt, sich von Maulbeerblättern ernährt und, sobald sie ausgewachsen ist, die Seide hervorzubringen beginnt. Sie baut das Haus, in dem sie sterben soll. „Dieses Haus aber ... ist Christus.“
„Sterben, ja sterben soll diese Raupe, so wie sie das tut und dabei das zu Ende bringt, wozu sie geschaffen wurde, und ihr werdet sehen, wie wir Gott sehen und uns so in seine Größe hineinversetzt sehen, wie es das Räuplein in seiner Hülle ist.“

 

Die neue Bleibe

Das Sterben der Raupe ermöglicht das Leben des Schmetterlings. In ihrem großen Werk „Die innere Burg“ beschreibt Teresa die Wandlung. Der Schmetterling freilich, der aus der Puppe schlüpft, „hält nichts mehr von den Werken, die er als Raupe vollbracht hat, nämlich nach und nach seinen Kokon zu spinnen“. Der Schmetterling kann nicht mehr zurück in seine frühere Existenz. Er sucht eine neue Bleibe. Sie zu finden, „liegt nicht in unserer Hand, mögen wir noch so viel tun, so lange es Gott nicht gefällt, uns diese Gnade von neuem zu schenken“.
Zu den Wandlungen, die das Tier selbst durchläuft, kommen der Einfallsreichtum und die Arbeit des Menschen dazu, die aus dem Seidenfaden das Tuch entstehen lassen.

 

Das Menschenmögliche

Es ist klar: Die Wandlung eines Tieres von der Raupe über die Puppe hin zum Schmetterling erfolgt keineswegs außerhalb der Naturgesetze. Ein treffendes Bild ist es dennoch.
Das Menschliche, besser: das dem Menschen Mögliche geht über das Erwartbare hinaus. Schlechte Voraussetzungen, schlimme frühkindliche Erfahrungen müssen den Menschen nicht automatisch kaputt und krank machen. Verbrechen ziehen nicht unabwendbar neue Verbrechen nach sich. Der Mensch hat die erstaunliche Fähigkeit, Dinge zum Guten zu wenden.
Seine Fähigkeit zur „Wandlung“ ist es, was den Menschen so besonders – zum Abbild Gottes nämlich – macht. Ein anderer Name dafür: Liebe. Er kann etwas sterben lassen, damit Neues möglich wird, wie es Teresa von Avila im Bild der Seidenraupe beschreibt. Der Mensch kann heraustreten aus dem Kokon seiner selbst.
Das lässt an den Himmel glauben: dass die Entwicklung der Welt und des Lebens nicht einfach nur aus einer Aneinanderreihung von Folgerichtigkeiten besteht, sondern dass Wendung und Wandel möglich sind. Glaube, das ist der Mut dazu.

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