Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Freundlichkeit ist eine Grundeinstellung. Sie schenkt Menschen die Erfahrung, willkommen zu sein. Es geht um ein grundsätzliches Wohlwollen, um Freude über die Gegenwart einer anderen Person. Das englische Wort „kindness“ leitet sich von „kin“ (Familie) ab: Jemand wird so willkommen geheißen, als würde er zur Familie gehören.
Nun soll nicht behauptet werden, dass Begegnungen mit Jesus stets mit Freundlichkeit erfüllt waren. Wir finden Jesus in grobem Umgang mit den Geldwechslern im Tempel, wir lesen, dass Jesus die Pharisäer immer wieder schroff zurecht- und zurückweist, auch das Wort „Was willst du von mir, Frau?“, gerichtet an seine Mutter (Johannes 2,4), ist nicht beispielhaft freundlich.
Wir wollen nicht naiv in die süße Falle des Bildes eines harmlosen Jesus tappen. Begegnungen mit Jesus sind darauf ausgerichtet, Menschen zum Wachstum zu helfen. Und das mag und kann unangenehm sein, sogar schmerzhaft. Wie oft wird doch Petrus in den Evangelien zurückgewiesen! Manche Stellen sind schwer zu verstehen und schwer zu verdauen, wie etwa Jesu Begegnung mit der syrophönizischen Frau, die um die Heilung ihrer Tochter fleht (Markus 7,26).
Und doch ist auch Freundlichkeit ein grundlegender Aspekt im Leben Jesu. Jesus blickt den reichen Jüngling freundlich an (Markus 10,21), er hat Mitleid mit der Witwe, die ihren einzigen Sohn begraben muss (Lukas 7,13). Eine schöne Stelle über die Freundlichkeit findet sich im Lukasevangelium. Jesus schenkt zwölf Jüngern Vollmacht, Gutes zu tun – Dämonen auszutreiben, Kranke zu heilen, das Reich Gottes zu verkünden (Lukas 9,1–2). Sie kommen von ihrer Mission zurück, haben sicher viel aufzuarbeiten und auszutauschen. Jesus nimmt sie beiseite und zieht sich mit ihnen in die Stadt Betsaida zurück, „um mit ihnen allein zu sein“ (Lukas 9,10). Die Leute erfahren davon und folgen Jesus und den Jüngern – „Er empfing sie freundlich“ (Lukas 9,11). Das ist doch bemerkenswert. Jesus will mit den zwölf Jüngern allein sein, aus gutem Grund. Menschen, hungrig nach Heilung und Belehrung, stören die Ruhe, suchen ihn auf, stellen ihm nach. Hier wird ein Plan durchkreuzt. Das kann zu verständlicher Verärgerung führen.
Jesu Antwort: Freundliche Aufnahme. In manchen Übersetzungen steht direkt: „Er nahm sie auf.“ Oder auch: „Er ließ sie zu sich kommen.“ Das griechische Wort „αποδεξάμενος“ (apodexámenos) an dieser Stelle steht für: annehmen und aufnehmen. Das Wort „apodektos“ wird mit „angenehm, willkommen“ übersetzt. In der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, lesen wir „excepit illos“ – da schwingt auch „akzeptieren“ mit. Die Menschen, die Jesus aus der Ruhe mit den Jüngern holen, die als ungebetene Gäste kommen, treffen nicht auf Gereiztheit, sondern auf freundliche Aufnahme. Welche innere Haltung braucht es, um in einer Situation des eigentlich Gestörtseins Freundlichkeit zu zeigen? Hier bedarf es wohl der inneren Weite und der inneren Weichheit, im Unterschied zu Enge und Starrheit. Jesus schöpft aus Quellen, die es ihm ermöglichen, Eigenes zurückzustellen, um Eigentliches zu tun.
So können wir uns fragen: Was bedeutet es, so zu leben, dass sich Menschen bei uns willkommen fühlen?
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Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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