Drei Wochen vor der Nationalratswahl hat das Tauziehen um die Wählerstimmen längst begonnen. Viele junge Menschen fühlen sich allerdings von den Themen im Wahlkampf nicht angesprochen.
Ausgabe: 2013/36, Politik, Nationalratswahl, Jugendliche
04.09.2013
- Johannes Grüner
„Ich habe ehrlich gesagt noch keine Ahnung, wen ich wählen werde, am Ende wird wohl das geringste Übel mein Kreuzerl bekommen“, erzählt Bernhard Winkler (23), Buchautor, im Rahmen einer Podiumsdiskussion vergangene Woche. In seinem Erstlingswerk „So nicht! Anklage einer verlorenen Generation“ übt er Kritik an der aktuellen politischen Situation. Gemeinsam mit Jugendforscher Mag. Bernhard Heinzlmaier und Meinungsforscherin Mag. Dagmar Beutelmeyer diskutierte er am Donnerstag im OÖ Presseclub in Linz über Politik von und für junge Menschen. Alle drei Mitglieder des Podiums waren sich einig: Die aktuellen Parteiprogramme bieten wenig Anreize und Themen für Jugendliche. Natürlich betreffen Pensionen irgendwann auch die Generation im Alter zwischen 16 und 29, doch es gibt kaum exklusive Jugendthemen, die sie direkt ansprechen. Sie wollen Entscheidungen für das Hier und Jetzt. Meinungsforscherin Dagmar Beutelmeyer macht anhand ihrer Erhebungen drei wesentliche Bedürfnisse fest: „Die Jungen wollen einen sicheren Arbeitsplatz, finanzielle Unabhängigkeit und Karriere machen.“
Vergreisung
Mit besonders pointierten Aussagen erntete Jugendforscher Bernhard Heinzelmaier Beifall bei den Zuhörer/innen: „Die Grundproblematik ist die Vergreisung der Politiklandschaft. Selbst die jungen Politiker sind frühvergreist. Nach fünf Jahren Mitarbeit in einer Partei bist du erledigt.“ Heinzlmaier würde sich mehr politisches Engagement außerhalb von Parteien wünschen. Bürgerbewegungen und Eigeninitiativen könnten stärkeren Druck auf die Regierung ausüben.
Die Alternativen
Neben den etablierten Parteien des Nationalrats und dem Team Stronach treten heuer auch wieder einige unbekanntere Listen an, um die magische Vier-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament zu nehmen. Sowohl die „Piratenpartei“ als auch „NEOS“ wollen als Alternative für das junge Volk auftreten. Mag. Rainer Hable von den NEOS: „Die junge Generation geht unter, weil sie nicht vertreten ist. Wir wollen die Jugend stärken und ihnen nicht noch mehr Steine in den Rucksack legen.“ Meinungsforscherin Beutelmeyer sieht derzeit zwei Tendenzen unter Jugendlichen: „Unter Akademikern sind eindeutig die Grünen voran, bei bildungsferneren Schichten ist die FPÖ die klare Nummer Eins.“ Kritisch dazu äußert sich Jungautor Bernhard Winkler: „Leute, die sich nicht für Politik interessieren hören nur den, der am lautesten schreit. Und das ist eindeutig die FPÖ.“
Unberechenbar
Abseits der ersten Prognosen gilt die Gruppe der 16- bis 29-Jährigen als besonders unberechenbare Wählerschaft. Laut Beutelmeyer wissen heute, drei Wochen vor der Wahl, noch knapp 75 Prozent der Jungwähler nicht, wo sie das Kreuz machen sollen. Ein riesiges Potenzial, das offenbar nicht erkannt wird. Man wirft ihnen Politikverdrossenheit vor, doch es fehlt vielleicht ganz einfach der Ort, um über politische Themen zu sprechen. „Früher wurde in den Familien viel mehr politisiert“, erklärt Winkler.
Nachgefragt: Warum sollte man sich als junger Mensch politisch engagieren?
Bernhard Kastner: „Politisches Engagement für Jugendliche bedeutet nicht nur permanent etwas verändern zu wollen. Es geht auch darum, für die Jungen Sprachrohr und Anlaufstelle zu sein. Entscheidungen zu begleiten und Ideen auszuarbeiten, sowohl mit jüngeren als auch älteren Kollegen, ist für mich der große Anreiz, politisch aktiv zu sein.“
Fiona Kaiser: „Unser Anspruch ist es, Akzente zu setzten. Wir wollen natürlich auch die SPÖ verändern und das gelingt uns, indem wir immer Vorschläge zu Jugendthemen einbringen und durchsetzten. Wenn ich mich politisch engagiere, geht es mir nicht darum, Karriere zu machen.“
Bernhard Winkler: „Es gibt interessante Möglichkeiten sich außerhalb von Parteien politisch zu engagieren, zum Beispiel bei NGOs. Viele Menschen in meinem Alter sind im Job überfordert und schauen am Abend lieber das Dschungelcamp als die ZIB 2, weil sie Entspannung brauchen. Von politischem Engagement sind wir da ganz weit weg.“