Mehr Gefühl im Umgang miteinander – dann würden die vielen Blumen nicht auf den Gräbern, sondern in den Wohnungen stehen. "Unter Uns" von Ernst Gansinger
Ausgabe: 2013/44, Unter Uns
30.10.2013
- Ernst Gansinger
Gang mit einer befreundeten Familie auf den Pöstlingberg. Die Kinder haben ihren Spaß, die Eltern plaudern. Plötzlich weint der kleine Sebastian herzzerreißend. Er hat einen Zahn verloren, den ersten. Groß ist seine Verzweiflung. Der Trost bahnt sich lange keinen Weg: Es wird wieder einer nachkommen, sagt die Mutter. Mit der Lücke schaust ja lustig aus, sagt der Vater. Alle Kinder verlieren die ersten Zähne, meine ich. Sebastian ist lange nicht zu beruhigen. Er sagt nicht, was ihn so betrübt, es muss der Schrecken über den Verlust sein, seine erste Erfahrung mit der Vergänglichkeit des Lebens. Das war vor vielen Jahren. Sebastian ist längst ein Mann. Was alles und wen allen mag er inzwischen verloren haben, während sich sein Leben entfaltete? Entfalten heißt auch verlieren. Sebastians Schmerz von damals blieb wortlos. Er fand keine Worte für seinen Kummer, wie das Leben ohne diesen Zahn weitergehen kann. Er tat, wie es allgemein üblich ist: nur keine Worte über Verluste verlieren! Der nicht zur Sprache gebrachte Schmerz gräbt sich aber tief ein, bis er hingetragen wird zu den Gräbern dieser Welt. Wenn doch die Menschen mehr von sich, ihren Hoffnungen und Ängsten erzählen würden, wenn sie mehr Anteil nehmen und Anteilnahme zulassen würden, gäbe es mehr Blumen in den Wohnungen als auf den Gräbern.