Ich lese in der Supermarktfiliale den Aufdruck: Auch Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern sind Lebensmittel und sollen verwertet werden. Das ist schön und ein bisschen absurd. Ein Unter Uns von Christine Grüll.
Ausgabe: 2013/45, Unter Uns
06.11.2013
- Christine Grüll
In Österreich wachsen perfekt gerundete Äpfel und Kürbisse. Die Gurken biegen sich in die richtige Richtung und jede Birne erinnert mit ihren Rundungen an die vollkommene Glühbirne, die nicht mehr existiert. Danke, EU! Seit einiger Zeit aber regt sich Widerstand, ausgerechnet im Lebensmittelhandel.
Mit dem Einkaufswagen eile ich durch eine Supermarktfiliale und ramme dabei eine große Schachtel. Ich lese den Aufdruck auf dem Karton: Auch Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern sind Lebensmittel und sollen verwertet werden. Seit zwei Monaten wirbt die Supermarktkette damit. In der Schachtel liegen weiße Netze mit Äpfeln. Sie sind harmonisch gerundet und wunderbar rot. Vielleicht sind sie eine Spur kleiner als die sonst angebotenen. Das kann ich aber mit freiem Auge nicht erkennen. Fröhlich fahre ich weiter. Schön, dass sich ein großer Konzern der Ware mit optischen Makeln annimmt. Auch wenn ich keinen Makel entdecken kann. (Das liegt aber sicher an einem fehlenden Sinn für Ästhetik.) Absurd ist es auch ein bisschen. Zuerst wird jede Frucht aus dem Sortiment verbannt, die nicht die richtige Maße hat. Dann kehrt sie als eigenständiges Produkt zurück. Aber vielleicht haben wir eines Tages wieder richtig Verhutzeltes im Gemüseregal.