„Für Österreich würde ich keinen Finger mehr rühren“
Am 7. November sprach Gottfried Leitner im Museum Arbeitswelt in Steyr über die Novemberpogrome 1938. Der in Bad Goisern Geborene rettete damals als Schüler in Linz Thora-Rollen aus der brennenden Synagoge.
Ausgabe: 2013/46, Gottfried Leitner, Novembergogrome, Thora-Rollen, Synagoge
12.11.2013
- Ernst Gansinger
Als die illegalen Nazis 1934 beim Juli-Putsch auf das Haus seines Vaters, der Mesner und Tischler war, schossen und schrien „Leitner-Tischler kumm aussa, wir hängen di auf“, konnte sich der Vater auf dem Dachboden verstecken. Die Nazis waren wegen der „Juden-Freundlichkeit“ des Vaters wütend.
Zwei Thora-Rollen
Der 1922 geborene Gottfried nahm in der Nacht auf den 10. November 1938 den Tumult bei der Synagoge in Linz wahr. Er lief mit Freunden dorthin, sie retteten zwei Thora-Rollen und andere Gegenstände aus der brennenden Synagoge. Schon im März 1938 war Leitner inhaftiert, weil er als Mitglied der monarchistischen Jugend bei Hitlers Einmarsch „Gott schütze Österreich!“ rief. Er wurde noch mehrmals eingesperrt und auch gefoltert. Als Kriegsversehrter hatte er eine Arbeit, die es ihm ermöglichte, etwa 300 jüdischen Mitbürgern eine Arbeit zu verschaffen. Im Jänner 1945 wurde der Regime-Gegner dreimal (!) zum Tode verurteilt. Als die Amerikaner am 17. Februar den Zug nach Mauthausen beschossen, fuhr dieser nach Wien zurück. Leitner hatte wieder Glück. Am 6. April 1945 kam er frei. Als er große Mengen Treibstoff-Kanister im Stephansdom entdeckte, machte er die Russen darauf aufmerksam, die das „Treibstoff-Lager“ räumten. Die neonazistischen Umtriebe und das Verhalten des Staates Österreich dazu sieht Leitner mit Verbitterung. „Für Österreich würde ich keinen Finger mehr rühren, für bedrängte Mitmenschen immer.“