Konflikte unter Kindern werden manchmal von den Eltern ausgetragen. Die Kinder lernen dabei: Konfliktbewältigung geht sie nichts an. Unter Uns von Elisabeth Leitner.
Ausgabe: 2013/47, Unter Uns
20.11.2013
- Elisabeth Leitner
Eine ältere Frau im Schwimmbad ist in heller Aufregung. Ein Zwist oder gar eine kleine Schlägerei unter Kindern war passiert. Der Enkel verdrückt noch jammernd ein paar Tränen, und Oma ist schon auf der Suche nach dem Übeltäter. Sämtliche Kinder spricht sie an, fragt ihren Enkel: „War er es?“ Der Kleine verneint. Da, endlich wird der Übeltäter gefunden. Sie redet nicht mit ihm, schreit ihn nur an: „Zeig mir deine Mutter!“ Sie wird immer hektischer und immer lauter. „Zeig mir deine Mutter!“ – Endlich taucht sie auf. Die zierliche Frau stellt sich neben die energische Dame und sagt leise: „Da bin ich. Was gibt's?“ Banges Warten. Es wird deutlich ruhiger im Bad. Die Umstehenden machen sich auf ein weiteres Gewitter gefasst. Es folgte eine kurze Unterredung der beiden Frauen. Die Kinder sind schon über alle Berge. Es kommt offensichtlich zur Schuldklärung und Entschuldigung mütterlicherseits. Die Mutter wird entlassen. Alle ringsherum atmen auf. Ob diese Art der Konfliktbewältigung hilfreich war, bezweifle ich. Denn was haben die Kinder dabei gelernt? Dass sie das alles gar nichts angeht. Im Gegensatz zu mir. Der Satz: „Zeig mir deine Mutter!“, hat sich bei mir eingebrannt – jetzt weiß ich, dass ich für alles geradestehen muss. Hilfe!