Seit 1960 geht Wolfgang Hingerl Jahr für Jahr als Nikolaus – er gehört damit zu den längstdienenden Nikoläusen des Landes. Begeistert erzählt er von seinen Erfahrungen und seiner besonderen Nikolaus-Theologie.
Ausgabe: 2013/49, Nikolaus, Hingerl
03.12.2013
- Josef Wallner
Nach der Matura kam der heute 74-jährige Wolfgang Hingerl nach Linz und engagierte sich in der Katholischen Arbeiterjugend der Pfarre Bindermichl. „Vermutlich weil ich so groß gewachsen war und einen stattlichen Nikolaus abgeben würde, hat mich der Kaplan angesprochen, ob ich nicht einige Familien besuchen könnte“, erzählt er. Die Pfarre hatte zur Vorbereitung des Besuchs bei den Eltern einige Fakten über die Kinder erfragt. Nicht wenige Eltern erwarteten sich vom Nikolaus einen erhobenen Zeigefinger, selbst bei so intimen Fragen wie Bettnässen. Aber darauf ließ sich Hingerl von Anfang an nicht ein: Das Nikolausfest sollte für alle ein angstfreies, fröhliches und hoffnungsvolles Ereignis werden. Hingerl verbindet damit aber mehr als einen netten Abend und mehr als Brauchtumspflege. Als Nikolaus zu gehen ist für ihn eine Mission: „Ich möchte etwas von der Herrlichkeit des Himmels und von der Liebe Gottes vermitteln.“ Gleich in seiner ersten Nikolaus-Saison hatte er zusätzlich zu den Familienbesuchen eine weitere Herausforderung zu bewältigen: Kaplan Ernst Pimingstorfer bat ihn, kurzfristig an seiner Stelle im Ledigenheim der VOEST vor zirka 50 Erwachsenen als Nikolaus aufzutreten. Die Anspannung war groß, aber schließlich hat er seine Aufgabe gut bewältigt.
Sinnenfroher Nikolaus
Im folgenden Sommer hat der junge Landesbedienstete Hingerl eine Kulturwoche auf der Burg Altpernstein mitgemacht. Dort hat er den „Papst der Nikoläuse“ getroffen. Der Salesianerpater Siegfried Hornauer wurde nicht müde zu betonen, dass der Nikolaus eine Frohbotschaft für die Kinder sein muss. Dazu gehört auch, Kinder nicht zu belügen: Der Nikolaus kommt nicht vom Himmel geflogen, sondern ist der Vater, ein Freund der Familie oder ein Mann aus der Pfarre. In Vorträgen, in Rundfunk und Fernsehen hat er für seine damals revolutionäre Sicht geworben. Wichtig war ihm auch, dass bei den Niklolausfeiern alle Sinne angesprochen werden. P. Hornauers Nikolaus-Philosophie ist auf fruchtbaren Boden gefallen und heute eine Selbstverständlichkeit.
Den Stab basteln
Jahr für Jahr wurde Wolfgang Hingerl als Nikolaus gebraucht: im Linzer Lehrlingsheim der Salesianer Don Boscos, bei den Novizen und Studenten der Salesianer, in Pfarren – bis er schließlich in seiner eigenen Familie den Nikolaus spielte. Er betont das Wort spielen. „Als meine älteste Tochter drei Jahre alt war, haben wir miteinander einen Nikolausstab gebastelt. Sie hat mir beim Umwickeln des Stabs geholfen“, erinnert er sich gerne an die Zeit mit den heute schon längst erwachsenen Kindern.
Nikolausspiel
Spielen ist für Hingerl nichts Banales, sondern der Weg zu erfassen, was der Sinn des Brauchs ist: „Der heilige Nikolaus ist ein Bote des Himmels. Er will darauf hinweisen, dass der Himmel einmal das Ziel unseres Lebens ist, uns aber schon jetzt umgibt.“ Wo Menschen aufrichtig sind, einander vergeben oder teilen, bekommen sie einen kleinen Vorgeschmack auf den Himmel. Dazu möchte Hingerl durch das Nikolausspielen die Kinder anleiten. Er lädt sie ein, Schokolade, die er mitbracht hat, mit Freund/innen zu teilen und ihnen zu sagen, warum man sie mag. Ein solches Nikolausspiel ist nicht nur für Kinder eine Freude, da machen auch die Erwachsenen gerne mit, so Hingerl.
Das eigene Gewand
Selbstverständlich ist Franz Hingerl heuer wieder im Einsatz. Seine Frau Ingeborg hat die Schachtel mit den Utensilien schon vom Dachboden geholt. Sie hat ihm vor Jahren ein eigenes Bischofsgewand genäht. Die Borte am Messgewand häkelte sie sogar aus echtem Goldgarn. „Wenn schon, dann ordentlich“, meint sie lächelnd. Am 4. Dezember 2013 war Langzeit-Nikolaus Hingerl in Bad Hall unterwegs, am 5. und 6. Dezember ist er im Lungau tätig. Sein Schwiegersohn lädt ihn immer wieder in die Sonderschule ein. Dort ist er besonders gerne, weil die Buben und Mädchen ein gutes Gespür für den Himmel haben.