Ausgabe: 2004/51, Türkei, Beitrittsverhandlung, Menschenrechtsfrage, EU
15.12.2004
- Walter Achleitner
Die Situation der Christen in der Türkei kennt kaum jemand so gut wie Dr. Otmar Oehring. Er ist überzeugt: „Bevor Beitrittsverhandlungen beginnen, müssen die offenen Menschenrechtsfragen geklärt sein.“
Wer mit Otmar Oehring in das Gespräch über die Christen in der Türkei kommt, ist beeindruckt von seiner Kenntnis. In zwei detaillierten Studien hat er die Situation nichtmuslimischer Minderheiten in der Türkei nachgezeichnet. Aus der jüngsten, veröffentlicht kurz bevor die EU-Kommission am 6. Oktober die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfohlen hat, zieht Oehring die Bilanz: „Die Kopenhagener Kriterien, deren Erfüllung 1993 als Voraussetzung für die Aufnahme eines Beitrittskandidaten beschlossen wurden, sind nicht erfüllt. Bei der Religionsfreiheit, insbesondere für die Christen, hat sich schlicht nichts verändert.“ Mit derart klaren Worten versteht sich der Leiter der Fachstelle Menschenrechte des katholischen Missionswerkes missio in Aachen als Anwalt der Christen. „Und ich erlebe, wie schwer sich die Kirchen in der Türkei tun, ihre Situation in Europa bekannt zu machen.“Dass Oehring europaweit einer der ganz wenigen Türkeiexperten in der Kirche ist, hat persönliche Gründe: Kurz nach seiner Geburt 1955 zogen die Eltern aus dem oberschwäbischen Saulgau nach Ankara. Mit 16 kam er nach Deutschland zurück. 1981 wechselte der Student der Kultur und Geschichte des Nahen Orients und der Rechtswissenschaft erneut für zwei Jahre von München nach Istanbul. Wenn nun doch die EU mit der Türkei verhandelt? „Dann müssen wir aufpassen, dass es die Religionsfreiheit nicht erst gibt, wenn keine Christen mehr in der Türkei leben.“