Kaum sind wir nach der Visitefahrt bei ihm zu Hause angekommen, wird er gerufen: Eine Wunde ist zu nähen. – Gosaus Gemeindearzt Dr. Norbert Ringer hat (fast) immer Bereitschaft.
Der Tee muss also warten. Das ist er gewohnt. Solche Akut-Einsätze haben Vorrang. Diese Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft in der 2.000 Einwohner zählenden Gemeinde Gosau, in der er der einzige praktische Arzt ist, zeichnete die Kirchenzeitung 2004 mit dem „Solidaritätspreis“ aus. Die Familie und die Natur geben ihm die Kraft, das enorme Pensum durchzustehen.
Familie gibt Kraft
Seine Frau Anni, wegen ihrer Verdienste im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich mit der Verdienstmedaille des Landes Oberösterreich ausgezeichnet, ist für Dr. Ringer auch „Kummerkistl und Supervisorin“. Die gebürtige Schweizerin, die mit ihm, dem gebürtigen Tiroler, über das Krankenhaus Wels 1982 nach Gosau kam, ist Krankenschwester. In dem zehn Kilometer langen Tal ist Dr. Ringer seither Tag und – wenn es notwendig ist – auch Nacht für seine Patienten da. Wenn es notwendig ist! – Es beschäftigt ihn, dass manche Leute seine Bereitschaft auch ausnützen. Wenn sie etwa mit Verwaltungssachen, die leicht warten könnten, lange nach Ordinationsschluss kommen. Wenn es aber notwendig ist, versieht er mit großem Einsatz Dienst. Vielen Menschen ermöglicht er damit, dass sie trotz großem Pflegebedarf in gewohnter Umgebung alt werden und schließlich auch sterben können.
Visite
26. Jänner 2005, ein tief winterlicher Tag. Doktor Ringer steht wie gewohnt kurz nach sieben Uhr in seiner Ordination, die ihn erst deutlich nach zwölf Uhr zum Mittagessen freigibt. Doch kann er nicht lange rasten, etliche Patienten müssen zu Hause besucht werden. Den Abschluss der Visiten macht das Brigittaheim, das Alten- und Pflegeheim der evangelischen Pfarrgemeinde. Drei Mal in der Woche kommt er hier her. Acht Heimbewohner/innen brauchen an diesem 26. Jänner den Doktor. Er misst Blutdruck, versorgt Wunden, diagnostiziert Schwellungen und Rötungen, bespricht sich mit der Pflegedienstleitung ... Auch für Gespräche hat er Zeit, scherzt und mahnt, etwa einen Vielraucher. Eine schon etwas verwirrte Patientin, die Dr. Ringer an diesem Nachmittag besucht, wohnt alleine. Er will nachsehen, wie ihre Knieschwellung heilt, was der Blutdruck macht, wie es ihr allgemein geht. Sie öffnet mit Blut im Gesicht. Aber es ist nichts Ernstes. Dr. Ringer unterhält sich mit ihr. So ist er auch Sozialarbeiter. Denn oft ist der Besuch eines nachfragenden Menschen wichtiger als der des Arztes! An diesem Nachmittag kommt Dr. Ringer verspätet zum Tee. Solche Tee-Verspätungen sind Alltag im Leben des Landarztes Dr. Norbert Ringer.