„Welt-Jubel-Tag“: Der Papst als Auslöser einer kollektiven Euphorie
Ausgabe: 2005/34, Dynamik der Masse, Weltjugendtag, Papst, Benedetto, Pilger
24.08.2005
- Christian Ortner
Tausende begeisterte, jubelnde Menschen prägten den XX. Weltjugendtag 2005 in Köln. Sie inszenierten den Glauben als Massenphänomen, wie man es sonst von Sportevents oder Pop-Konzerten kennt.
Mit schwenkenden Fahnen ihrer jeweiligen Nationalität strömen unzählige Gruppen junger Menschen aus der Bahnhofshalle. Sie schmettern Schlachtgesänge und Rufchöre in die Massen und machen „La Ola“ – die Welle. Sobald sie ihre Landesflagge woanders im Tumult entdecken, werden die Gesänge zum Freudengeschrei: „Vive la France!“, „Eviva Espana!“, „Immer wieder Österreich!“
Als Fußballstadt kennt Köln solche Szenen, jedoch war es diesmal nicht der Fußball, der die Massen mobilisiert hat, sondern der katholische Glaube. Also lauten auch die Schlachtgesänge ein wenig anders als sonst: „Be-ne-detto!“ ist das geflügeltste aller Wörter in diesen Tagen. Der große gemeinsame Star ist der Papst. Es gibt – anders als so oft im Fußball – keine Ausschreitungen unter den „Fans“. Schließlich sind alle gekommen, „um IHN anzubeten“, wie es das Motto des Weltjugendtags vorgibt. Durchaus zweideutig, angesichts der Euphorie rund um eine Person: den deutschen Papst Benedikt XVI. und seinen ersten Besuch in seiner Heimat seit Amtsantritt. Die Begeisterung, die die Pilger den Papst entgegenbrachten, glich stellenweise dem Personenkult, der normalerweise um einen Popstar betrieben wird. Trotz zahlreich angebotener Festivals, Konzerte, trotz Katechesen oder stiller Versöhnungsfeiern – alles drehte sich um den Papst.
Um das Kirchenoberhaupt zu sehen, nahmen die Pilger so einiges auf sich: kilometerlange Märsche, stundenlanges Anstellen in Warteschlangen, Kreislaufschwächen. Um dann wenige Sekunden einen Blick auf ihn zu erhaschen oder ihm im Vorüberfahren zuwinken zu können. Anschließend wieder grenzenloser Jubel und Freudengesänge, die ausdrücken sollten, dass es sich gelohnt hat. Wer nicht die Gelegenheit hatte, am Weltjugendtag in Köln teilzunehmen, wurde von Fernsehen, Internet und Presse detailliert versorgt. Wie bei Fußballübertragungen konnte man sich von zu Hause aus sogar manches Bild schärfer, manche Szene genauer und in Wiederholung ansehen. Und dennoch fehlte etwas – das Gefühl dabei gewesen zu sein. Neben dem Papstbesuch war es besonders das gemeinsame Erleben von einzigartigen Tagen, das diesen Weltjugendtag geprägt hat. Das Zusammentreffen von Hunderttausenden Menschen im Namen des Glaubens brachte eine Massenwirksamkeit zustande, die der Sport seit jeher beansprucht: die Verbindung der Völker. Pilger aus nicht weniger als 197 Nationen feierten ein friedliches Fest.
Splitter
Italiener vorne
417.118 Pilger/innen hatten sich bis zum 19. August offiziell zum 20. Weltjugendtag angemeldet. Am Abendgebet mit dem Papst und an der Abschlussmesse nahmen nach Angaben der Veranstalter doppelt so viele teil. Bei den offiziell Registrierten führten lange die Italiener mit 101.174 Teilnehmer/innen; im letzten Augenblick zogen die Deutschen knapp vorbei. Aus Österreich nahmen 3700 Jugendliche teil.Der Weltjugendtag war auch ein „geistliches Spitzentreffen“. 60 Kardinäle, 760 Bischöfe und 9805 Priester waren nach Köln gereist. Aus Österreich waren die Erzbischöfe Schönborn und Kothgasser und die Bischöfe Küng, Scheuer, Kapellari und Lackner dabei. Sie hielten Gottesdienste und Katechesen.
Benedetto
Vor allem die italienischen Medien beobachteten jeden Schritt des „Neuen“ auf seiner ersten Auslandsreise. Für Papst Benedikt XVI. war das sicher kein einfaches „Heimspiel“, sind doch die Weltjugendtage von ihrer ganzen Regie her auf die „Kontaktkanone“ Johannes Paul II. ausgerichtet. Kein Wunder, dass „der Neue“ von den allzu schrillen Benedetto-Rufen zu Beginn noch etwas irritiert war und den Jugendlichen auch mehrmals recht deutlich sagte: Christus ist der Mittelpunkt. Dennoch werden viele dem „Corriere della Sera“ zustimmen, der schrieb: „Bei der ersten Prüfung vor dem Volk hat Papst Benedikt seine Form der Kommunikation gefunden, seinen Stil – eine Mischung aus intellektuellem Charisma und Maß und Zurückhaltung.“