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An der Grenze zwischen Beruf und privat

Wer persönliche Dinge über Menschen weiß, gerät bald einmal in schwierige Lagen: Kann es richtig sein, Dinge weiterzugeben? In jedem Fall ist Vorsicht geboten. Aus der Serie "Ethik im Alltag" mit Michael Rosenberger, Teil 4 von 4.
Ausgabe: 2016/23
08.06.2016
- Michael Rosenberger
Fallbeispiel: Ein mir bekannter Firmenchef will eine mir ebenfalls bekannte Person ein­stellen. Er fragt mich, welchen Eindruck ich von der Zuverlässigkeit des Betreffenden habe. Ich weiß, dass er jüngst erst wegen
seiner ­Alkoholkrankheit auf Entzug war, wegen der er ­seinen früheren Job verloren hat.
Die Person ist derzeit „trocken“, aber ich kann ja nicht in die Zukunft blicken.
Soll ich den Firmenchef über diesen Umstand ­informieren?

Antwort: In diesem Fall geht es um die Vermischung zweier Ebenen: Der Ebene persönlicher Bekanntschaften und der Ebene von Geschäft und Beruf. Eine solche Vermischung ist eine höchst heikle Gratwanderung und führt leicht zu heillosen Verwicklungen. Wer derartige Gratwanderungen nicht schwindelfrei und trittsicher bestehen kann, sollte die Finger davon lassen!

Gefragt werden


Auch für den, der in Gratwanderungen erfahren ist, bleibt es eine ziemliche Zumutung, in eine betriebsinterne Entscheidung hinein­gezogen zu werden, die ihn eigentlich nichts angeht. Daher wäre es für mich das Mindeste, dass der Firmenchef mich vorab diskret und vorsichtig fragt, ob er mich in einer heiklen Personalangelegenheit überhaupt um Rat fragen darf.

Was tabu bleibt


Angenommen, ich würde einverstanden sein, würde ich den Firmenchef bitten ­darzulegen, warum er in der betreffenden Personalie so unsicher ist. Aus dieser Darstellung würde ich heraushören, wie er den Bewerber einschätzt und ob er ihn fair und differenziert wahrnimmt. Dann und nur dann würde ich eine Antwort geben. In ihr würde ich versuchen, so viel wie möglich zugunsten des arbeitssuchenden Bekannten zu sprechen – ohne jedoch unehrlich zu werden und die Alkoholkrankheit zu verschweigen. Aber eines wäre klar: Wissen, das ich von dem Bekannten im Vertrauen erhalten habe, würde ich niemals preisgeben. Das bleibt tabu!
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