Ausgabe: 2005/45, Meinung, Leitartikel, Kirche ohne Illusionen, Fellinger, Papst,
09.11.2005
- Matthäus Fellinger
„Papst redet uns ins Gewissen“, hieß es in einer Tageszeitung zur Gemeinschaftsaudienz der österreichischen Bischöfe bei Papst Benedikt XVI. Eine andere Zeitung ortete einen „Ordnungsruf für Österreich“. Der Papst hätte Österreichs Bischöfen „die Leviten gelesen“.
Was ist verwunderlich daran, wenn der Papst von „schmerzlichen Tatsachen“ im Zuge des Säkularisierungsprozesses spricht? Wer kennt diese nicht? Und wenn er zu Sachlichkeit ohne Schönfärberei mahnt, so bedeutet dies, dass man bestehende Probleme tatsächlich ernst nehmen muss. Eine eigentlich sehr erfreuliche Ansage. Den Priestermangel etwa. Papst Benedikt wünscht sich mehr Klarheit in der Verkündigung. Und vor allem mahnt er: „Macht euch keine Illusionen.“
Wer ohne Illusionen, nämlich mit nüchternem Blick, die Kirche von heute betrachtet, wird vieles feststellen, was auch der Papst den Bischöfen gesagt hat. Jener Journalist, der gemeint hat, der Papst rede uns damit ins Gewissen, ist – möglicherweise unbewusst – auf der richtigen Spur. Nicht an den Gehorsam hat Papst Benedikt appelliert, vielmehr hat er das Gewissen angesprochen. Das ist bemerkenswert.