„Wir müssen dort helfen, wo die Not am größten ist“, sagt er. Als sein Orden 1991 jemanden suchte, der bereit war, zu den Straßenkindern von Bukarest zu gehen, machte sich P. Georg Sporschill auf den Weg.
Der französische „Armenbischof“ Jacques Gaillot sagt: Ein Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. Wieweit gilt das auch für Sie? Es deckt sich mit dem, was ich denke, spüre und immer wieder erfahre. Wer von Huger, Not oder Vertreibung nur im Fernsehen sieht, den wird das, wenn er nicht überhaupt gleich wegschaut, bestenfalls deprimiert oder ratlos machen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man den ersten Schritt tut und dort hingeht, wo die Not ist, wo sie groß ist, dann dient das nicht nur anderen, sondern auch mir. Biblisch könnte man sagen: Nur wer sich entäußert, wird das Leben gewinnen. Das gilt für die Kirche wie für jede und jeden einzelnen.
Was meinen Sie damit konkret? Nehmen wir die Wirtschaft: da muss jedes Unternehmen schauen, was auf dem Markt an Produkten oder Dienstleistungen gebraucht wird. Sonst geht es pleite! Auch die Kirche muss die Augen und Ohren offen halten: wer braucht uns zuerst und wo ist die Not am größten. Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken, hat Jesus gesagt. Und, so heißt es, er hatte Mitleid mit ihnen, weil sie wie Schafe ohne Hirten waren. Dort hinzugehen, wo ich gebraucht werde, das setzt auch in mir viel Kraft und Fanatsie frei, das schenkt Erfüllung statt Ratlosigkeit.
Das klingt so einfach. Aber ist es das wirklich? Wenn ich unsere Volontär/innen, die nach Rumänien kommen, frage, was sie hier wollen, dann sagen sie: helfen. Es gibt diese tiefe Sehnsucht, aber hinter den dicken Mauern unserer Wohlstandgesellschaften sehen sie oft nicht die Möglichkeit dazu. Es gibt sie auch da, die Not, aber sie liegt weniger direkt auf der Straße.
Sie haben auf vielen steinigen Äckern gearbeitet. Wie ist es dazu gekommen? Begonnen hat es in der Schenke am Wiener Westbahnhof. Dort bin ich mit einigen Jugendlichen, die gerade aus der Haft entlassen worden waren, ins Gespräch gekommen. Ihre Perspektive – trostlos: ohne Dach über dem Kopf, ohne Arbeit und mit zuviel Alkohol. Ich erzählte davon dem damaligen Caritasdirektor und Freund, Prälat Ungar. Und der sagte: Ich hab da ein leeres, altes Haus, mach was. Gemeinsam mit den ersten Burschen bin ich dann mit dem Schlafsack in das Haus eingezogen. Ich wusste nicht, wie das alles gehen würde, aber ich spürte etwas von der Not der Obdachlosigkeit und dem Ausgesetztsein. Und damals wurde mir klar: sich berühren zu lassen von der Not des anderen, sich anrühren zu lassen – das ist für mich eine ganz entscheidene Kraftquelle. Deshalb will ich mit jenen, für und mit denen ich arbeite, auch ein Stück meines Lebens teilen. Und wenn dich dann so ein hartgesottener Straßenjunge bei der Hand nimmt, dann spürst du plötzlich: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.
Und weitere Kraftquellen? Eine dieser Quellen ist die Gemeinschaft – mit den Mitarbeiter/innen, den Freunden und meinem Orden. Eine Gemeinschaft, die auch immer wieder ins gemeinsame Beten führt, wobei die Straßenkinder immer mehr meine „Lehrer“ wurden. Ganz zentral ist schließlich für mich die Bibel. Deshalb habe ich vor über 30 Jahren begonnen, neben meiner Sozialarbeit Bibelschulen anzubieten. Die Bibel ist für mich auch das beste Handbuch für die Sozialarbeit, voll von echtem Leben und der Zuversicht, dass Gott einem immer zur Seite steht, den nächsten Schritt zu finden. Mensch, was willst du mehr!
Zur Person
Georg Sproschill wurde 1946 als fünftes von neun Kindern in Feldkirch (Vbg.) geboren. Er studierte Theologie, Psychologie und Pädagogik und trat mit 30 in den Jesuitenorden ein. Ab 1980 Caritas-Häuser für straffällige junge Obdachlose; 1991 ging er nach Rumänien, 2004 nach Moldawien. Das Hilfswerk Concordia betreut über 1000 Jugendliche und verteilt etwa 3000 Essen an ältere Menschen.
www.concordia.or.at