Gott kommt entgegen, klein wie ein Kind. Niemand muss Angst haben, höchstens jemand, der um seine eigene Position fürchtet. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2012/51, Leitartikel, Fellinger, Schwellenangst, Weihnachten, Angst, Chef
Es gibt Leute, die haben Herzklopfen, wenn sie über die Schwelle ins Chefbüro treten. Und es gibt Obrigkeiten, die sich bewusst mit einer solchen Aura aus Angst, die Menschen sich klein fühlen lässt, umgeben. Sie verwechseln das mit Respekt – und merken nicht, wie sehr sie die Menschen in ihrem Inneren verachten.
Weihnachten bringt einen anderen Umgang. Gott kommt entgegen, klein wie ein Kind. Niemand muss Angst haben, höchstens jemand, der um seine eigene Position fürchtet. Gott schützt sich nicht mit einer Mauer des Erzitterns. Zugänglich ist er, ansprechbar für jeden und jede.
Wenn Menschen ihre Knie vor diesem Gott beugen, dann nicht, weil Gott es von ihnen erwarten oder gar einfordern würde. Sie tun es vielmehr aus Ergriffenheit, aus einem unendlichen Staunen heraus: Wie ist es möglich, dass Gott sich so tief herablässt? „Großer Gott, wir loben dich“, singen Christ/innen. Sie singen es mit ergriffenem Herzen und nicht aus dem Verdacht, dass man Gott gnädig stimmen müsste. Immer, wo von der Größe Gottes die Rede ist, von Allmacht und Ewigkeit, muss dies mitgesagt werden: wie menschlich und klein er entgegenkommt. Weihnachtlich ausgedrückt: als Kind. In österlicher Sprache: als Knecht.