Warum das Stift Schlägl einen Tag lang auf dem Kopf steht
Am Fest der Unschuldigen Kinder, dem 28. Dezember, wird die Hierarchie im Kloster auf den Kopf gestellt: Der Novize wird zum Abt und der Abt nimmt den Platz des Jüngsten ein. Was hinter diesem Brauch steckt, erklären Abt Martin und der „Novizenabt“ 2011, Fr. Jeremia.
Alles beginnt mit der Übergabe des Brustkreuzes, der sichtbaren Würde eines Abtes. Abt Martin legt dem Novizen das „Sissi-Kreuz“ um, ein Geschenk der Kaiserin Elisabeth an den damaligen Abt Dominik Lebschy (1838 bis 1884). „Ich habe mir auch einen rosafarbenen Schulterkragen umgehängt und bin so zum Chorgebet gegangen“, erzählt Fr. Jeremia. Er hat natürlich in der Kirche den Platz von Abt Martin eingenommen. Im Speisesaal ebenso. Der Abt hatte an diesem Tag Tischdienst – zusätzlich, weil er sonst auch einmal wöchentlich mit dem Servieren an der Reihe ist. Beim Mittagessen erlebte dann Fr. Jeremia, dass das Abtamt seine Tücken hat. „Man muss sehr aufpassen, dass man das Brustkreuz nicht in die Suppe taucht.“
Alter Brauch. Die Tradition von Kinderäbten und -bischöfen entstand in den Kloster- und Domschulen des Mittelalters. Der Brauch muss sich lawinenartig ausgebreitet und ausgeweitet haben: 1274 gab es in Salzburg einen eigenen Synodalbeschluss, der dem Übermut der „Geckenbischöfe“ Grenzen setzen sollte und der die Ausgaben für dieses Fest einzudämmen versuchte. In der Zeit der Aufklärung verschwand dieses im ganzen Abendland bekannte Brauchtum. Reste davon haben sich in Klöstern erhalten – wie in Schlägl. Tradition mit Widerhaken. Fr. Jeremia hat den Unschuldig-Kinder-Tag im Vorjahr ohne besondere Änderungen im Klosteralltag gestaltet. Nicht Gags, sondern die Gemeinschaft sollen im Vordergrund stehen, betont er. So fuhr der Novizenabt mit einer Reihe von Chorherren zur Jause nach Schwarzenberg, zu der ihr Mitbruder, Hr. Othmar Wögerbauer, eingeladen hatte. „Man darf diesen Brauch nicht überbewerten“, meint Abt Martin. Als er dann über die Vergangenheit zu plaudern beginnt, gibt es aber viel zu lachen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Der Novizenabt könnte sich vom Abt mit dem Auto chauffieren lassen, gibt er mit Blick auf Fr. Hermann-Josef, den Ein-Tages-Abt 2012, einen kleinen Tipp. Auch der Speiseplan könnte für diesen Tag geändert werden. Trotz des launigen Gesprächs kommt bald der tiefere Sinn dieser Tradition zur Sprache. Es ist ein starkes Zeichen, wenn im Kloster die klar vorgegebene Hierarchie – die zum Kennzeichen jedes Ordens gehört – auf den Kopf gestellt wird: vom Jüngsten, der an die Spitze tritt, über den Zweitjüngsten, der die Stelle des Priors einnimmt, bis „hinunter“ zum Abt. „Das Amt ist nicht alles, der Mensch ist wichtig“, sagt Abt Martin: „Die Gemeinschaft lebt davon, dass sich jeder als Mensch einbringt.“ Struktur ist kein Selbstzweck. Damit das Zusammenleben der 42 Schlägler Chorherren gelingt, braucht es eine Struktur, anders funktioniert es nicht, betont Fr. Jeremia. „Die Umkehrung der Ordnung macht aber deutlich, dass sie kein Selbstzweck, sondern unseretwillen da ist.“ Das Loslassen des Amtes für einen Tag erinnert Abt Martin, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Angst, dass ein Novize an der Würde gefallen findet und seine Amtszeit verlängern möchte, hat er nicht. „Es war bis jetzt noch jeder froh, wenn er das Brustkreuz wieder zurückgeben konnte“, sagt er lachend.