Man ist heute schon viel zu sehr von Leuten umgeben, die die Fastenzeit kaum erwarten können – und ich gestehe, ich gehöre zu diesen. Kommentar von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/06, Fasten, Aschermittwoch, Appetit
06.02.2013
- Matthäus Fellinger
Ich hatte einen Freund – habe ihn immer noch, nur treffe ich ihn selten. Dieser Freund nahm es mit dem Fasten sehr genau. Der Aschermittwoch erschien ihm daher als eine echte Nagelprobe seiner Selbstbeherrschung. Also begab er sich am Faschingsdienstag, knapp vor Mitternacht, zum Würstelstand, um eine „Buren scharf“ zu inhalieren. Schlag 24 Uhr war der letzte Bissen geschluckt. Doch nächste Nacht hieß es für ihn wieder lang aufbleiben. Punkt Mitternacht stand er erneut am Würstelstand und beendete das Fasten – mit einer „Buren scharf“. Das war sein Kompromiss zwischen christlich ererbter Lebensdisziplin und dem ihm angeborenen Appetit. Er kam mir etwas kleinkariert vor mit dieser punktexakten Lebensart. Katechismusgenau, aber ja keine Minute zu viel! Mit den Jahren beurteile ich die Haltung des Freundes – er hat um die Leibesmitte einigermaßen zugelegt – großzügiger, beneide ihn sogar: Wenigstens hatte er Appetit. Und ich? Ich möchte gar keine Burenwurst um Mitternacht. Man ist heute schon viel zu sehr von Leuten umgeben, die die Fastenzeit kaum erwarten können – und ich gestehe, ich gehöre zu diesen. Der Mangel an Appetit ist eine Grundkrankheit des modernen Lebens. Man ernährt sich bloß – ob's schmeckt oder nicht. Zu beneiden sind sie, die Leute, die das Gute kaum erwarten können, und sei es nur eine Burenwurst.