„Es ist schön, alt zu werden.“ – Margareta Hagmüller, die im Bezirks-Alten- und Pflegeheim in Ried im Innkreis wohnt, wird heuer 100 Jahre alt. Im Gespräch mit jungen Gymnasial-Schülerinnen, die sie im Rahmen eines Projektes des Religions-Unterrichtes wöchentlich besuchen, strotzt sie vor Lebensfreude und Dankbarkeit.
Der wöchentliche Besuch der Schülerinnen Marion Binder, Julia Steppan und Anja Bachleitner bringt seit Herbst in den Alltag von Frau Hagmüller Abwechslung. Die vier kennen einander nun schon ganz gut. Wie jeden Dienstag erwartet die betagte Frau die Schülerinnen am Gang und bittet sie dann in ihr Zimmer. Das Gespräch braucht keine langen Aufwärm-Phasen.
Das Autofahren ist schön
Heute wollen die Schülerinnen mit ihr darüber reden, welche Erinnerungen sie an ihr langes Leben hat. Kaufmännische Angestellte war sie, dann Buchhalterin in Ried im Innkreis, erzählt Frau Hagmüller. Während sie an früher denkt, kommt sie ins Schwärmen: Als eine der älteren Frauen unter den Führerschein-Schülerinnen hat sie den Führerschein gemacht. „Es war nicht üblich, dass Frauen einen Führerschein haben. Heute ist das anders.“ Autofahren sei schön, aber nun fahre sie schon lange nicht mehr. Ebenfalls im fortgeschrittenen Alter hat sie Italienisch gelernt – „für den Urlaub.“
Dankbar und zufrieden für ein langes Leben
„Ich hatte einen Bruder, aber der ist gestorben.“ Vor mehr als 40 Jahren ist auch ihr Mann gestorben. „So bin ich ziemlich lange schon allein.“ Aber die Nichten kümmern sich um sie. „Zum 99er, voriges Jahr, dessen Feier eine Nichte vorbereitet hat, ist sogar der Bürgermeister gekommen.“ Die Bewunderung der Mädchen wegen des hohen Alters wehrt sie ab. „Das ist keine Leistung. Da muss man dankbar sein und zufrieden.“ Nach einer Pause setzt sie fort: „Und ordentlich leben.“ Ihre Eltern waren Arbeiter. „Wir haben uns nicht viel leisten können.“ Wäre Geld da gewesen, hätte sie studieren können. – Also traurig wegen entgangener Chancen? – Nein, „dankbar für so vieles und dankbar für jetzt.“
Sie schaut sich kaum Fotos an
Eine Schülerin bewundert das rege Interesse von Frau Hagmüller. „Ich glaube, mein Kopf schläft noch nicht“, bestätigt diese. „Ich habe mich immer für vieles interessiert.“ Das sei wichtig, gibt sie den Jugendlichen für deren Leben mit. „Und Sport haben Sie auch viel betrieben“, ergänzt eine andere Schülerin. Das hat die heute fast Hundertjährige bei einem früheren Besuch schon erzählt. „Ja, viel!“ – Frau Grete , die grundsätzlich fröhlich ist, strahlt jetzt noch mehr. „Wir waren viel in den Bergen, am Traunstein, am Grimming, sind überall mit dem Rad hingefahren. Als wir dann ein Auto hatten, ging es weiter.“ Sie schwärmt von Aufenthalten in der Schweiz. „Sind das Ihre schönsten Erinnerungen?“, will eine Schülerin wissen. – „Sehr schön war es, und noch nicht so teuer. Ich habe alles so lebhaft in meinem Kopf. Fotos schaue ich mir nie an oder Dias. Das mag ich nicht. Vielleicht krieg ich da Sehnsucht. Ich weiß nicht. Ich hab's lieber im Kopf!“ Und dann erzählt sie noch, dass es die Rieder schön hatten: Die Schifabrik Fischer verschenkte an die Bevölkerung der Umgebung Schier. So konnte auch sie bald Schi fahren und tat es gerne. – „Es war eine schöne Zeit!“ Mit den Fellen den Berg hinauf und dann die Abfahrt. „Aber jetzt ist das Schifahren sehr teuer!“ – Die drei Gymnasiastinnen stimmen zu.
Das Wagerl als Hilfe
Ob sie auch jetzt noch öfters an die frische Luft komme, wollen die Schülerinnen wissen. – „Nein, ich muss mit dem Wagerl fahren und das kann man auf den unebenen Straßen im Winter nicht. Ich bin ja schon drei Mal hingefallen, als ich noch kein Wagerl hatte. Aber ich glaube, das merkt man jetzt nicht mehr.“ Die Schülerinnen bestätigen dies gerne und bieten ihr an, mit ihr, wenn es das Wetter zulässt, draußen spazieren zu gehen. Sie habe es hier so schön, es fehle an nichts – die Verpflegung sei so gut – die Suppen, die Fleckerlspeise, der Gurkensalat oder die Hühnerkeule – alles halt. „Nach einer Pause: „Kennt ihr gebackenen Camembert?“ Sie schwärmt vom Essen, lobt die freundlichen Pflegerinnen und erzählt voll Freude von ihren Nichten und wie schön es war, als ein Kind einer Nichte zum 99er der „Oma“ „Alles Gute“, durchs Telefon sagte. – „Das sind doch schöne Dinge! Andere verstehen es nicht, dass ich mich so freue. Die finden das selbstverständlich. Ich finde es nicht selbstverständlich!“
Singt für mich!
Es sei ihr schon einmal ganz schlecht gegangen. Aber wie eine Blume, die im Herbst verwelkt, sei sie wieder zu neuem Leben erwacht. „Jetzt hoffen meine Bekannten, dass ich den Hunderter erlebe.“ – „Das hoffen wir alle“, sagen die drei Schüler/innen im Chor. „Haben Sie einen Wunsch?“, erkundigen sie sich. – Nein, nur wenn sie gestorben ist, sollten die Schüler/innen für sie singen. Sie liebt deren Gesang und schwärmt vom letzten Besuch, da haben die Mädchen gesungen. Auch dieses Mal singen sie, bevor sie gehen: „Kein schöner Land“ und „In die Berg bin i gern“. Frau Grete strahlt: „Soo schön!“ Diese positive Einstellung beeindruckt die Schülerinnen; eine sagt: „Ich kenne niemanden, der sich über so viele Sachen freut wie sie!“ Dieses positive Denken steckt an.