Dass der Sinn des Lebens nicht nur oben zu finden ist, unterstreicht der Papst mit seinem Rücktritt. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2013/09, Karriere, Rücktritt, Papst
27.02.2013
- Matthäus Fellinger
Den Aufsteigern gilt die Aufmerksamkeit. Solange ein Mensch oben ist, genießt er Respekt. Manchmal ist es die Aura der Angst, die die Oberen umgibt. „Schau, dass aus dir einmal etwas wird!“ So bringen es die Alten ihrem Nachwuchs bei. Am Donnerstag Abend tritt einer von „ganz oben“ zurück: der Papst persönlich. Dieser Schritt wird in Erinnerung bleiben, mehr als alle Enzykliken und Ansprachen. Kein Lehrschreiben, ein Lehr-Zeichen ist es. Dass der Sinn des Lebens nicht nur oben zu finden ist, unterstreicht der Papst mit diesem Schritt. Die „Karriere“ eines Menschen geht nicht nur in eine Richtung, schon gar nicht nur nach oben. Weil viele so etwas nicht akzeptieren können, halten sie krampfhaft fest an Positionen, verkrallen sich in ihre Macht, solange es geht. Das ist die Schwäche der Mächtigen. Mit einem Leben abseits der Macht wissen sie nichts anzufangen. Sie vertrauen nicht, dass andere es auch – vielleicht sogar besser – können. Viele verbinden heute Kirche mit „Macht“ – wohl auch, weil sie an so vielem festhält – und sich schwer mit dem Loslassen tut. Dass oben und unten ein wenig näher zusammenrücken, das könnte die Frucht dieses Lehr-Zeichens sein.