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„Gefahr des Rassismus ist nicht gebannt“

Ari Rath ist 13, als seine Kindheit plötzlich zu Ende ist. Er ist Jude, die Nazis kommen an die Macht und er muss weg aus Österreich. Heute, 75 Jahre später, ist er froh, dass er Schülern seine Geschichte erzählen und ihnen eine Aufgabe mit auf den Weg geben kann.
Ausgabe: 2013/10, Rassismus, Ari Rath, Juden, Menschenhass, Zeitzeuge, Nationalsozialismus
05.03.2013
- Paul Stütz
„Du wirst nicht mehr in die Tanzschule gehen können“. Das ist ­einer der ersten Gedanken, der Ari Rath kommt in der Nacht des Anschlusses von Österreich an Deutschland. Ari Rath ist Jude und muss weg aus Österreich nach Palästina, für viele Jahre weg von den Eltern, weg von den Freuden. Er weiß, dass er einige nie wieder sehen wird. Um ihn und seinen Bruder aus der größten Gefahr zu bringen, schickt sie seine Stiefmutter in einen Kibbuz. „Stellt euch vor, es sind böse Leute an der Macht und ihr müsst alles zurücklassen, was euch lieb und teuer ist“, sagt Ari Rath zu den rund 40 Schülern, die ihn bei seinem Vortrag in der Schule in Kleinmünchen mit Applaus begrüßen. Die Burschen und Mädchen sind im selben Alter wie Ari Rath damals war, als er auswandern musste. „Ich bin froh, dass ich heute mit 88 Jahren mit euch über diese Zeit sprechen kann.“ Viele Jahre seines Lebens hat der in Wien Aufgewachsene darüber nicht auf Deutsch gesprochen.  Zu schwer lastete die Vergangenheit auf ihm. „Damals ist für mich die Welt untergegangen. Auf einmal waren wir Untermenschen“, sagt er.

Was die Juden verdrängten


Die Frage nach der Verdrängung und Erinnerung ist eine der zent­ralsten in Ari Raths Vortrag. Die Verdrängung spielte den Nazis bei den Massenvernichtungslagern in die Hände, meint er: „Viele Juden wollten dem Zynismus von Joseph Goebbels glauben, der den Spruch ,Arbeit macht frei‘ am Eingang des KZ Auschwitz anbringen ließ, um vorzutäuschen, es handle sich um ein Arbeitslager.“

Morden, als alles verloren ist


Nicht zuletzt mithilfe seiner genauen Erinnerung kämpft Ari Rath, der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der Jerusalem Post, gegen die in Österreich weit verbreitete Verdrängung: die Flucht in eine kollektive Opferrolle in der Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus. „Viele Österreicher haben nach dem Anschluss  über Nacht ihren tief verwurzelten Antisemitismus ausgelebt“, sagt Ari Rath. Am schlimmsten sei, dass man gemordet hat, als der Krieg sowieso schon verloren war. Als besonders drastisches Beispiel nennt er eine Nazi-Party kurz vor Kriegsende im Burgenland, bei der 200 Juden erschossen wurden. Der 88-Jährige erinnert daran, dass Österreich etwa nur zehn Prozent der Einwohner im Dritten Reich ausmachte, aber ein Drittel der Mannschaft der Konzentrationslager österreichischer Herkunft war. Und dass es mit Adolf Eichmann ein Linzer war, der als Organisator der Transporte in die Vernichtungslager der Nazis maßgeblich am Holocaust beteiligt war. Ari Rath, der seit zwei Jahren wieder teilweise in Wien lebt, erzählt aber auch von einem anderen Erlebnis mit einem Nazi. So ermöglichte ihm sein Nazi-Nachbar, dass er sein geliebtes Fahrrad mit nach Palästina nehmen konnte.

Gegen Menschenhass


Den Jugendlichen empfiehlt Ari Rath, das Internet nicht nur zum Spielen, sondern auch für eigene Recherchen zu nutzen. Auch das sei ein Mittel gegen das Verdrängen. Und noch wichtiger – die Botschaft an die Jugendlichen: „Eure Aufgabe ist es, dass diese schlimmen Verbrechen nicht wieder vorkommen.“ Denn: „Die Gefahr des Rassismus und des Menschenhasses ist noch nicht gebannt.“ Auf Nachfrage der KirchenZeitung nennt er die ausländerfeindliche Politik der Strache-FPÖ als Beispiel: „Die könnte es in Deutschland nicht geben.“

Die Zeitzeugen-Vorträge von Ari Rath an Linzer Schulen wurden von der Friedensstadt Linz in Kooperation mit dem Verein „Land der Menschen Oberösterreich“ organisiert.

Ari Rath – Zur Person


1926 wurde Ari Rath in Wien geboren. Er besuchte das Gymnasium Wasagasse. Dort wurde er der von der „Christenklasse“ getrennten „Judenklasse“ zugewiesen. Schon vor 1938 war er mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland  am 12. März 1938 gelangte er mit seinem drei Jahre älteren Bruder als 13-Jähriger nach Palästina. Er war eines der Gründungsmitglieder des Kibbuz Hamadia nahe Bet Sche‘an im Norden des Landes und lebte dann 16 Jahre dort.

Ari Rath studierte Zeitgeschichte und Volkswirtschaft. Er wandte sich dem Journalismus zu, wurde 1957 Redakteur der „Jerusalem Post“, 1975 deren Chefredakteur, 1979 Herausgeber. Mit dem ersten israelischen Premier David Ben Gurion und den späteren Friedensnobelpreisträgern Jitzhak Rabin (Premier) und Schimon Peres (heute Staatspräsident) war er eng vertraut. Rath lebt heute in Israel und in Österreich. Im Herbst 2012 erschienen im Zsolnay Verlag seine Memoiren: „Ari heißt Löwe“.
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