Meine Brille ist ein Multitalent. Sie hilft mir, besser zu sehen. Sie hilft mir, besser zu hören. (Das kommt wohl daher, dass ich die Mundbewegungen der Sprechenden deutlicher sehe.) Seit neuestem zwingt sie mich auch, die Welt bewusst anzuschauen.
Ich habe eine neue Brille. Nach mehr als zehn Jahren und ein paar unerheblichen Dioptrien mehr – der Arzt war da anderer Meinung – habe ich mich zu einem Besuch beim Optiker durchgerungen. Zuhause setze ich die Brille zum ersten Mal auf – und finde mich in der Achterbahn wieder. Das Wasserglas vor mir auf dem Tisch scheint meterweit entfernt, beim Gehen schwankt die Umgebung und die Stufen in den Keller weichen vor meinen Füssen zurück. Während ich mir die Schulter reibe, die plötzlich zu breit für den Türrahmen ist, untersuche ich die Brillengläser nach ihren Eigenheiten. An ihren Rändern verzerren sie das Gesichtsfeld. Nur das, was ich direkt anschaue, sehe ich gestochen scharf.
Nach zwei, drei weiteren Nahkampferfahrungen mit Möbelstücken habe ich beschlossen: Die neue Instanz auf meiner Nase amüsiert mich. Sie fordert mich heraus, die Welt genau anzuschauen. Nicht nur im Vorübereilen.