29.09.2017

Lokales

"Wir versuchen mit dieser Bahnfahrt gegen den Strom zu schwimmen"

Katholische und evangelische Kirche haben Ende September zur ökumenischen Begegnung in der Mühlkreisbahn geladen. Sie lieferten damit auch ein Bekenntnis für den öffentlichen Verkehr im Mühlviertel ab.

Keine Langeweile bei der langsamen Zugfahrt. Im Bild von links: Isabella Haider aus der Stadtpfarre Urfahr, Sr. Engelberta Augl, die Musiker Mischa Niemann und Gotthard Wagner und Sr. Veronika Binder.

Ökumenische Begegnungen im Zug: der evangelische Pfarrer Josef Prinz, die katholische Benediktinerin Sr. Gisela Radinger und die evangelische Kuratorin Lore Beck (von links).

Auf den großen Exodus muss man heute länger als gewohnt warten. Nicht wie üblich in Ottensheim, sondern erst am Ende der Strecke in Aigen-Schlägl wird sich die bis fast auf den letzten Platz gefüllte Mühlkreisbahn leeren. An die 90 Fahrgäste pilgern mit dem Zug durch die sanft hügelige Landschaft des Oberen Mühlviertels. Die Hälfte der Teilnehmer/innen ist evangelisch, die andere katholisch, passend zum Anlass der Begegnung: „500 Jahre Reformation“. Die Bahnfahrt ist ein Teil davon, ein Besuch des Stiftes Schlägl der zweite. „Dass so viele Leute mitfahren, übertrifft unsere Erwartungen“, freut sich die Hauptorganisatorin Sr. Gisela Radinger beim Einsteigen. Bald darauf erklingen die ersten Töne der eigens für die Fahrt engagierten Musiker. Die Stimmung ist fröhlich, zumindest heute stört sich niemand am langsamen Tempo der Mühlkreisbahn.

Umsteigen auf die Bahn

Die Bahnfahrt soll Evangelische und Katholiken näher zusammenbringen und den Umweltgedanken in den Mittelpunkt rücken. Das „Netzwerk von Christen für eine gerechte Welt“, das die Idee zur Zugfahrt hatte, plädiert für den Erhalt der Mühlkreisbahn. Nur eine attraktive Bahnverbindung könne die Autofahrer zum Umsteigen bewegen. „Man macht den Pendlern das Leben leider schwer“, sagt der Ottensheimer Alois Dunzinger im Gespräch mit der KirchenZeitung. Ein Resultat sei der alltägliche Stau auf den Straßen nach Linz. Der katholische Umweltaktivist hat bereits eine Petition für den Erhalt der Mühlkreisbahn mitorganisiert. 11.000 Unterschriften sind so vor wenigen Jahren zusammengekommen unter großen Beteiligung der an der Mühlkreisbahnstrecke liegenden Pfarren. „Die Politiker haben gesagt, sie nehmen sich die Unterschriften zu Herzen.“ Geändert hat das an der Situation nichts. Die Zukunft der Bahn ist nach wie vor ungewiss. Die Mühlkreisbahn tuckert im oberen Streckenabschnitt so langsam dahin, dass sie nur für Ausflügler mit viel Zeit interessant ist. Das kirchliche Engagement für die Mühlkreisbahn erklärt Dunzinger so: „Wer pendlerfreundlich ist, ist auch menschenfreundlich. Und das sollte die Kirche auf jeden Fall sein. Wir versuchen mit der Bahnfahrt etwas gegen den Strom zu schwimmen.“  

Pfarrer verzichtet auf Auto

Unterstützung kommt bei diesem Anliegen von der evangelischen Kirche, konkret von der Pfarrgemeinde Linz-Innere Stadt. Der evangelische Pfarrer Josef Prinz erzählt, dass er ohne Auto auskommt: „Ich bin privilegiert, dass ich für meine Arbeit keines brauche.“ Die ökumenische Zusammenarbeit für den Umwelt- und Klimaschutz freut ihn besonders. „Wir evangelischen Christen sind knapp an der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Die Stimme der katholischen Kirche hat dagegen großes Gewicht.“ 

Herzliche Ökumene

Die Ökumene funktioniere bestens, lobt auch Lore Beck, Kuratorin der evangelischen Gemeinde: „Es gibt mehr Verbindendes als Trennendes.“ Sie hat es noch als Jugendliche erlebt, wie die Fronten zwischen den christlichen Kirchen verhärtet waren. „Gemischt konfessio­nelle Ehen waren überhaupt nicht gerne gesehen“, gibt sie ein Beispiel. Heute ist das Verhältnis längst entspannt und von Herzlichkeit geprägt. Was auch Pfarrer Josef Prinz unterstreicht. „Man konzentriert sich auf das, was die Leute brauchen, und nicht auf die Unterschiede“, sagt er. 

Bildquelle: KIZ/PS (4)

Autor/in:  Paul Stütz

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