17.11.2017

Gesellschaft

Wenn Bilder lügen

Bildern wird unterstellt, dass sie die Realität eins zu eins abbilden. Dabei sind viele Bilder manipuliert, bis hin zur groben Fälschung.

Decken Bildmanipulationen auf. Tom Beyer und Sissi Kaiser.

Nur scheinbar sind die Politiker an der Spitze der Demonstration mit hunderttausenden Menschen. Die Inszenierung aus Sicherheitsgründen wurde verschwiegen.

Eine Politikerin darf anscheinend auch im Sommer nicht schwitzen. Das dachte sich wohl ein deutscher Fernsehsender. Schweißflecken unter den Armen von Frau Merkel wurden so kurzerhand auf einem Bild wegretuschiert. Das Beispiel aus dem Jahr 2005 zeigt, wie leicht im digitalen Zeitalter Filme und Fotos manipuliert werden können. Der Social Media-Bereich mit seiner Bilderflut hat diese Entwicklung in den letzten Jahren noch verschärft. In weiten Teilen der Bevölkerung fehle dafür das Problembewusstsein, finden die Medienexperten Sissi Kaiser und Tom Beyer. Aus diesem Grund bieten sie Workshops für Schüler und Lehrer an, um über Bildmanipulationen aufzuklären. Sie vermitteln etwa, dass fehlende Schatten in Bildern auf plumpe Manipulation hinweisen. „Desinformation wird es immer geben. Die Menschen müssen wissen, wie Manipulationen funktionieren. Das ist der einzige Schutz“, sagt Kaiser. „Es gibt zum Beispiel einfache Werkzeuge, mit denen man rekonstruieren kann, woher Bilder aus dem Internet ursprünglich herkommen“, ergänzt Beyer (siehe Tipp unten). 

Die Macht der Bilder

Die Steigerung der Medienkompetenz hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Denn die Macht der Bilder ist gewaltig. Fotos wirken unstrittiger und eindeutiger als Texte. „Bildern wird heute immer noch unterstellt, dass sie ein Abbild sind“, weiß Sissi Kaiser. Bilder und Filme können jedoch nie die Realität eins zu eins darstellen. Die Grenze zwischen zulässiger Nachbearbeitung und der Manipulation eines Fotos sind dabei fließend und ungenau. 

Bei der Werbung sind die Freiheiten zwar größer als im Informationsbereich, doch benennt Beyer auch hier problematische Entwicklungen. „Auf den Werbebildern haben die Models absolute Idealmaße. So sehen die gar nicht aus.“  Das dadurch konstruierte Schönheitsideal sei schon eine Form der Manipulation. 

Verheimlichte Inszenierung

Gerade im Infobereich, wo strengere Maßstäbe gelten, sind die Möglichkeiten der Manipulationen vielfältig. Sie reichen über die Foto-Retuschierung weit hinaus. Vor allem bei Bildausschnitt und Bildperspektive kann unsere Wahrnehmung vielfältig manipuliert werden. Wie bei den Pressefotos vom Trauermarsch für die Opfer der Anschläge von Paris im Jahr 2015. 1,5 Millionen Menschen waren damals in der französischen Metropole auf den Straßen. Direkt vor ihnen Spitzenpolitiker aus aller Welt. Diesen Eindruck vermittelten zumindest die Bilder, die zunächst in allen Zeitungen veröffentlicht wurden. 

Der Schein trügt jedoch. Die Politiker wurden in einer abgeriegelten Straße abgelichtet. Aus an und für sich nachvollziehbaren Sicherheitsgründen. „Das fatale daran war, dass selbst die offiziellen Pressemitteilungen nicht von dieser Inszenierung sprachen. So war dieses Vorgehen aber manipulativ,“ sagt Tom Beyer. 

Aus dem Zusammenhang gerissen

Manch­­mal werden Bilder überhaupt in einem ganz falschen Kontext präsentiert. Sissi Kaiser weiß das aus eigener Erfahrung. Ein Lokalsender filmte ein Gruppe Jugendlicher, darunter ihre Tochter, die auf der Donaulände in Linz saßen und sich unterhielten. Weiter eigentlich nichts. Doch die TV-Redakteure setzten die Jugendgruppe in ihrem Bericht in Zusammenhang mit Drogenproblemen bei Jugendlichen. Sissi Kaiser richtet deshalb einen Appell an die Journalist/innen: „Auch die Medienschaffenden sollen mehr Verantwortung übernehmen und die moralischen und ethischen Grundsätze einhalten.«

 

Tipp 

Mit  dem Online-Dienst Tineye lässt sich mittels „Rückwärts-Suche“ herausfinden, woher ein Bild  aus dem Internet urspünglich herkommt und wo es bisher genutzt wurde.
www.tineye.com

Zu den Personen

Sissi Kaiser ist Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin und Filmemacherin. Tom Beyer, Ausbildung in Umwelt- und Verfahrenstechnik und Philosophie, schult speziell zu neuen Medien.

Bildquelle: Privat; Reuters/ Philippe Wojazer

Autor/in:  Paul Stütz

Keywords: 2017/46

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