06.12.2016

Gesellschaft

„Was ich glaube, ist meine Sache“

Die Ergebnisse in der aktuellen Jugendumfrage „Generation What“ waren bei Fragen zu Glaube und Religion ernüchternd. Auch der Vatikan plant in Vorbereitung der Weltbischofssynode 2018 eine Umfrage zu „Jugend, Glaube und Berufungsfindung“. Wie man die Distanz zwischen Kirche und vielen Jugendlichen überbrücken könnte, erläutert Ilse Kögler, Professorin für Religionspädagogik in Linz.

Die Theologin Ilse Kögler ist Professorin der Katechetik, Religionspädagogik und Pädagogik der Katholischen Privatuniversität Linz, Vorständin des Instituts und Dekanin der Theologischen Fakultät.

Glaube und Religion sind für junge Menschen oft Privatsache. Sie wählen aus den vielfältigen spirituellen Angeboten, darunter auch kirchlichen, aus.

„Könntest du ohne religiösen Glauben glücklich sein?“ – auf diese Frage haben 82 Prozent der jungen Menschen allein in Österreich mit „Ja“ geantwortet. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz. Was denken Sie, steckt dahinter?

Ilse Kögler: Wir wissen aus der Jugendforschung seit Jahren, dass für weite Teile der Jugendlichen Glaube und Religion in ihrem Alltag keine vorrangige Bedeutung haben. Nicht selten werden Glaube und Religion mit institutionalisierter Religion zusammengedacht. Seit den Modernisierungsschüben der Sechziger- und Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts sind christliche Kirchen keine selbstverständlichen und unverlassbaren Schicksalsgemeinschaften mehr, sondern eine von vielen möglichen Anbietern/innen auf dem Markt von Lebensbewältigung, Wertevermittlung und Alltagsorientierung.

Religiöse Institutionen und Glaube sind bezüglich Lebensbewältigung also für Jugendliche  nicht ausschlaggebend …

Ilse Kögler: Es gilt, dass jeder und jede über die eigenen spirituellen Bedürfnisse selbst am besten Bescheid weiß. Unbekümmert wird aus der Vielfalt spiritueller Angebote, zu denen durchaus auch kirchliche gehören, ausgewählt, solange sie helfen, das Leben zu meistern. Trotzdem suchen nicht wenige Jugendliche dennoch punktuell in für sie lebensnahen und existenziell bedeutsamen Situationen Unterstützung, Trost, Geborgenheit und Orientierung im ihnen bekannten Religionsspektrum, etwa in ihnen vertrauten Ritualen und Praktiken. Danach wurde allerdings in dieser Untersuchung nicht gefragt.

Warum ist das Vertrauen in die Institution Kirche so gering? 

Ilse Kögler: Nicht wenige Jugendliche erleben Kirche als „unnahbar“ und „menschenfern“, haben zu ihr auch keine persönliche und vor allem keine emotionale Bindung. Bei den Sorgen, die sich Jugendliche machen wie Arbeitsplatzsuche, Streit im nahen Umfeld, Stress im schulischen Alltag sind der eigene Freundeskreis und die Familie unverzichtbare Stützen, nicht die Kirche oder Menschen, die sie vertreten. Nicht vergessen werden darf, dass Kirche vielen Jugendlichen fremd bleibt, weil ihr bereits die Eltern keinen hohen Stellenwert im Alltag mehr beimessen. Wie auch Erwachsene können Jugendliche ihre religiösen Fragen privatisieren – „was ich glaube, ist meine Sache“ –, relativieren – „was wahr ist, weiß keiner“ – und funktionalisieren – „was bringt mir Religion“.

Ebenso misstrauen die Jugendlichen der Politik und den Medien … 

Ilse Kögler: Das ist seit Jahrzehnten so, aber nicht verwunderlich, wie es auch in der österreichischen Jugendwertestudie 2011 festgehalten wird: Institutionen, die in ihrem Tätigkeitsbereich über eine hohe Entscheidungsmacht verfügen, dazu zählen Parteien, Regierung, Religionsgemeinschaften bzw. solche, denen große Macht zugeschrieben wird wie den Medien, müssen deutlich stärker um Legitimität ringen. Junge Menschen begegnen politischen Handlungsträgern/innen mit Skepsis, weil sie den Eindruck haben, dass die Politik keine zufriedenstellenden Antworten auf große Fragen unserer Zeit hat und auch auf Lösungen neuer Fragen, wie etwa der Umgang mit der Flüchtlingsbewegung, nicht vorbereitet ist. Ferner empfinden sie oft eine tiefe Kluft zwischen der politischen Klasse und ihrer eigenen Lebensrealität, denken, dass Politik nur die Vorderbühne eines Machtspiels ist, in deren Hintergrund andere Gruppierungen wie z. B. Wirtschaftsträger die Fäden ziehen. Wie sagte einst der US-Musiker Frank Zappa: „Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Wirtschaft“.  

Wie könnte das Vertrauen in religiöse Institutionen gestärkt werden?

Ilse Kögler: Vertrauen kann für mich nur durch Begegnungen mit authentischen, glaubwürdigen Vertretern/innen dieser Institution aufgebaut werden. Stärker als jedes Buch und jede Methode ist die Begegnung mit glaubwürdigen Leuten, die junge Menschen beim Prozess der Entscheidung zur eigenen Gestaltung der Lebens- und Glaubensgeschichte begleiten. Zum Beispiel stellen wir als Religionslehrer/innen mit unseren konkreten religiösen Verwurzelungen ein Angebot dar, an dem sich junge Menschen orientieren und konstruktiv auseinandersetzen können. Glaubwürdig sind wir dann, wenn wir nicht versuchen, ihnen den eigenen Glauben überzustülpen, sondern wenn wir – so danach gefragt – auch Auskunft geben können, woraus wir Kraft schöpfen, was uns zutiefst bewegt und wer uns letztlich trägt und unserem Leben Halt gibt. Je weniger wir uns dabei einer formelhaften Sprache bedienen, umso authentischer werden wir erlebt werden. Für nicht wenige Jugendliche sollten wir in der Lage sein, die uns vielleicht fremde Frage nach der „Nützlichkeit“ unserer christlichen Überzeugung glaubwürdig beantworten zu können. Es genügt auch nicht mehr, „Jugendliche einzuladen“, wir müssen ihnen nachgehen, besser gesagt, uns aussetzen in uns vielleicht ungewohnten Lebenswelten – etwa Lehrlingsseelsorge in Betrieben oder Seelsorge bei Maturareisen. 

Im Gegensatz zum Glauben ist bei den Befragten u. a. folgender Wert wichtig: „Ohne Solidarität geht‘s nicht im Leben.“ Wie schätzen Sie das ein? 

Ilse Kögler: Es ist natürlich schön, wenn 85 Prozent dieser Aussage zustimmen. Nun wissen wir aber durch aktuelle Studien des Instituts für Jugendkulturforschung, dass es eine Neuerfindung des Sozialen gibt. Beim Begriff des „Neo-Sozialen“ beispielsweise ist demnach der Einzelne dann sozial, auch solidarisch, wenn er oder sie sich zu Eigenverantwortung und Eigeninitiative bekennt und bereit ist, seine Selbststeuerung ständig zu optimieren. Wer das nicht kann, ist nach Meinung dieser Jugendlichen selber schuld. Sie denken, dass man im Leben gar nicht erst in die Situation kommen darf, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen und der Solidargemeinschaft auf der Tasche zu liegen. Das ist eine Haltung, die nicht nur eine Entsolidarisierung mit den Schwächeren der Gesellschaft begünstigt; diese jungen Menschen entsolidarisieren sich auch häufig von sich selbst – immer dann, wenn sie mit ihren persönlichen Erfolgsprojekten versagen. 

Manche Begriffe sind also missverständlich … 

Ilse Kögler: Ja. Eine Schwäche der „Generation What“-Befragung sehe ich darin, dass nicht geklärt wurde, was Jugendliche unter den abgefragten Begriffen verstehen. Gerade bei jungen Leuten der gesellschaftlichen Mitte kann es sehr befremdlich sein, wenn sie zwar die rechtlich-politische Ordnung respektieren, weniger aber so etwas wie eine moralische Ordnung. Das heißt: Die Mehrheit findet es nicht in Ordnung, Sozialleistungen zu beanspruchen, auf die man kein Recht hat oder Steuern zu hinterziehen – das postmoderne Heiligtum ist leider das Geld und dieses heilige Gut soll nur in den Besitz jener kommen, die sich anstrengen und etwas leisten. Hier sehe ich eine Chance der religiösen Bildung, z. B. des Religionsunterrichts, die ursprüngliche Bedeutung von „sozial“, „mein Nächster“, „Selbst- und Nächstenliebe“, zusammen mit philosophischen Abhandlungen zum Thema, verstärkt in den Diskurs zu bringen. «

Bildquelle: Katholische Privatuniversität Linz, Reuters

Autor/in:  Susanne Huber

Keywords: 2016/49, Jugend, Glaube, Religion

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