07.11.2017

Gesellschaft

Marias Herz für den Banat

Seit fast 40 Jahren fährt Maria Ritter mit Hilfspaketen nach Rumänien, in die ehemaligen Dörfer der Banater Donauschwaben. In einem kleinen Museum in Ried wird deren Geschichte erzählt. Jetzt steht beides vor dem Aus.

Erinnerung an eine untergegangene Welt: Hochzeitsfoto, Schleier und Kranz aus dem Banat.

Das Museum Banat.

Mitarbeiter Alexander Simmelbauer mit einer alten Feuerwehrfahne aus Klein-Betschkerek (im heutigen Rumänien).

Gestickter Spruch.

Eine der Helferinnen, die täglich die gesammelten Kleider sortieren.

Maria Ritter vor Bananenschachteln – sie werden mit Lebensmitteln und Kleidung befüllt.

Karte des Banat.

Der Räumungsbefehl gilt mit Ende November. Dann muss Maria Ritter mit dem Museum Banat aus dem ehemaligen Güterbahnhof in Ried im Innkreis ausgezogen sein. Die Stadt will das Gebäude abreißen. Einen Ersatz gibt es nicht. Maria Ritter weiß nicht, wohin mit dem Museum, und nicht nur das: Sie kann ihr Lebenswerk, die Rumänienhilfe Ried, ohne Lagerräume nicht weiterführen.

Schätze aus einer untergegangenen Welt

Maria Ritter steht in der kalten Halle des Güterbahnhofs und streicht über ein schwarzes Kleid. „Schau, wie weich die Seide ist“, schwärmt sie. Das alte Kleid ist eines von hunderten Objekten. Sie erzählen vom Alltag und von den Festen der Banater Donauschwaben. Kostbares Porzellan, alte Gebetbücher und Modeln, mit denen Lebkuchen für Ostern gebacken wurden, reihen sich in der Ausstellung aneinander. Maria Ritter kennt jede ihrer Geschichten. Seit fast 40 Jahren fährt sie mehrmals im Jahr in Richtung Temesvar. Mit Sattelschlepper, Lastkraftwagen und Kleinbussen bringen sie und ihre Helfer/innen Hilfspakete in Dörfer, die die Banater Donauschwaben aufgebaut haben – aus denen sie vor 70 Jahren vertrieben wurden. Maria Ritter besucht alte Leute, die 1945 nach Russland zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. Sie geht zu Straßenkindern und in Alten- und Kinderheime. Und sie besucht ihre Freundin Frieda, die die vielen Helfer/innen des Transports bei Bedarf in ihrem Haus übernachten lässt. Meist kehrt Maria Ritter mit Fotos und Gegenständen nach Ried zurück. Sie fühlt sich den Menschen, die sie ihr mitgegeben haben, auch ein wenig verpflichtet. Ihre Geschichte soll nicht vergessen werden.

Besiedlung und Vertreibung

Vor 300 Jahren siedelte Kaiserin Maria Theresia deutsche Familien im heutigen Rumänien an. Die Pannonische Tiefebene war nach den Türkenkriegen verwüstet. Die Siedler bekamen mate­rielle Unterstützung und Steuererleichterung. Die ­Dörfer wurden nach Plänen der Österreichischen Hofkammer angelegt. Die Siedler legten Sümpfe trocken und bestellten das gewonnene fruchtbare Land. Bis in das 20. Jahrhundert entwickelte sich ein reges Wirtschafts-, Kultur- und Alltagsleben. In den 1930er Jahren wurden sogar hungernde Kinder aus Wien aufgenommen. Im Jahr 1944 endete diese Welt. 100.000 Siedler wurden vertrieben. 3000 von ihnen kamen ins Innviertel. Unter ihnen waren Maria Ritters Mann Franz und seine Eltern. Sein kleiner Bruder überlebte die Flucht nicht. Er starb in den Rieder Baracken an Masern. Franz Ritter hat sich eine neue Heimat aufgebaut. Seine alte wollte er mit dem Museum in Erinnerung behalten – für sich selbst und für die nachfolgenden Generationen.

Rumänienhilfe Ried

Maria Ritter ist mit ihrer Führung am Ende der Halle angelangt. Durch Vorhänge von der Ausstellung getrennt, stehen hier Türme von Bananenschachteln. Fleißige Hände werden sie mit Reis, Öl und Mehl und kleinen Köstlichkeiten befüllen. Das Geld dafür bringen Maria Ritter und ihre treuen Helfer/innen auch mit einem Flohmarkt auf. Er findet regelmäßig in der Rieder Messehalle statt und wird von Sammlern gestürmt. Aber auch von gebürtigen Riederinnen und Riedern. Sie decken sich hier mit günstiger Kleidung ein. Andere können sie sich nicht leisten. Maria Ritter steht nachdenklich vor den Schachteltürmen. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt sie. Mit 78 Jahren blickt sie auf ein Lebenswerk zurück, das nun sein ungewolltes Ende finden wird. Denn der ehemalige Güterbahnhof ist nicht nur ein Museum. Er ist auch ein Lagerplatz. Von hier aus werden die Fahrzeuge des Hilfstransportes befüllt. Anfang Dezember bricht Maria Ritter mit einem Transport nach Rumänien auf, mit 2500 Nikolaussackerl im Gepäck. Es wird wohl der letzte sein.«

Wer Maria Ritter Räumlichkeiten anbieten möchte, damit sie ihr Engagement fortsetzen kann, erreicht sie unter Tel. 0664/114 27 32.

25. Solidaritätspreis

Maria Ritter wurde für ihre „Rumänienhilfe Ried“ 2003 mit dem Solidaritätspreis der KirchenZeitung ausgezeichnet. Kennen auch Sie Menschen und Projekte, die sich für ein gutes Miteinander engagieren? Schicken Sie uns bis 9. Februar 2018 Ihren Vorschlag mit Angaben zur Person oder zur Gruppe sowie eine kurze Begründung per Post bzw. per E-Mail oder reichen Sie direkt über die ­Website ein (etwaige Fotos oder Dokumente nur in Kopie beilegen, sie werden nicht zurückgeschickt). Einreichungen sind in den Kategorien „Einzelpersonen“, „Gruppen“ bzw. „Jugendprojekte“ möglich

Kontakt: KirchenZeitung – Solidaritätspreis, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, Tel. 0732/76 10-39 44,
Fax: -39 39, E-Mail: solipreis@kirchenzeitung.at; www.solipreis.at

Bildquelle: KiZ/CG, www.birda.de

Autor/in:  Christine Grüll

Keywords: 2017/45

Seite empfehlen

Meistgelesen

Die 5 meistgelesenen Artikel der letzten 7 Tage:

Adel verpflichtet?
Wie ein Symposium der Paneuropa-Bewegung als Provokation daherkommt. Ein K ...

Die Kunst schlägt Brücken
Nicht nur über Spenden – so wichtig sie sind – können „reiche Europäer“ mi ...

Wechsel beim Forum St. Severin
Paul Grünbacher wurde von den Mitgliedern des Forums St. Severin (früher: ...

Starke Wurzeln trotzen dem Sturm
Das Bild der „Verwurzelung“ steht für mich für den Kern der Kindererziehun ...

Im Gedenken
Christof Kraxberger, Ständiger Diakon in der Pfarre Linz-Hl. Geist, ist am ...